Das Wasser, in dem wir schwimmen, ohne es zu sehen

Ich empfehle euch, diese interessante Podiumsdiskussion anzuschauen über Staat und Religionen.

 

Ich hätte mir gewünscht, dass die Diskussion noch mehr auf die Einstiegsthese von Yasemin Shooman und Hannah Tzuberi eingegangen wäre: Dass nämlich die gesamte Religionsdebatte in Deutschland – gerade auch wie sie von atheistischer oder säkularer Seite geführt wird – sich sehr stark aus einem protestantischen Verständnis von Religion speist: Nur wenn man Religion als etwas versteht, das vor allem mit persönlichem Glauben und innerer Überzeugung zu tun hat, kann man auf die Idee kommen, Religion wäre etwas Privates, das sich nicht in äußerlichen Manifestationen zeigen muss. Für muslimische und jüdische Religion zum Beispiel ist aber auch die „Orthopraxie“ wichtig, also das Ausführen von Ritualen oder eine bestimmte Art, sich zu kleiden.

(Kleiner Einschub: Ich bin als offen lebende Protestantin ein großer Fan davon, keine Orthopraxie zu haben – also keine festen Regeln, Rituale, Vorschriften  – aber ich halte das tatsächlich für etwas typisch Protestantisches und nichts Normales, Neutrales oder Selbstverständliches. In dem Zusammenhang finde ich es übrigens interessant, dass es im Bereich der Essensvorschriften derzeit auch im säkularen Milieu wieder eine Zunahme des Phänomens der Orthopraxie gibt, nur sind die Gründe, warum man etwa dieses oder jenes nicht isst, jetzt eben nicht mehr religiöse. Whatever: Worum es hier geht ist das Sensorium dafür, die eigenen kulturellen Gewohnheiten als Ausdruck einer bestimmten Weltanschauung zu verstehen und nicht einfach für „normal“ zu halten).

Yasemin Shooman nennt diesen blinden Fleck in der Wahrnehmung „Schwimmen im Wasser, das man aber nicht sieht.“ In Wahrheit sind eben viele Gesetze und Regeln, die formal „neutral“ sind und „für alle gelten“, alles andere als neutral und normal: Es fällt zum Beispiel nicht allen religiösen Menschen gleichermaßen leicht, auf bestimmte Kleidungsstücke zu verzichten, die vom Mainstream als „religiös“ gelabelt werden.

Im September hatte ich einen Talk bei der Open Mind-Konferenz, wo ich über religiöse Zugehörigkeit gesprochen habe. Dort sage ich ebenfalls an einer Stelle, dass vieles von dem, was heute sich als säkular und atheistisch versteht, eigentlich auf der Folie eines protestantischen Religionsverständnisses abspielt. Aber – wie ich es auch in dem Post über Adam und Eva schrieb: Gerade wenn man sich gar nicht mehr darüber bewusst ist, wie viel von dem, was man selbstverständlich und normal findet, in Wirklichkeit aus einer bestimmten religiösen Tradition kommt, weil man diese Tradition überhaupt nicht mehr kennt, hat man sich jegliche Möglichkeit abgeschnitten, diese Tradition zu kritisieren und zu verändern.

Bedenkenswert finde ich auch den Einwand von Hannah Tzuberi im Verlauf der Diskussion, wo sie kritisiert, dass in den öffentlichen und medialen Inszenierungen von interreligiösem Dialog in Deutschland oft der Subtext ist, dass man doch diejenigen jüdischen und muslimischen Stimmen hervorholt, die am besten in den „protestantisch-liberal-säkularen“ Bezugsrahmen passen. Natürlich ist das eigentlich ein Sich im Kreis Drehen, weil man eben genau nicht zu den interessanten Fragen vordringt, an denen die eigentlichen Differenzen möglicherweise liegen.

Ich glaube, dass sich solche Diskussionen am besten unter dezidiert religiösen Frauen führen lassen. Ich würde gerne schreiben, unter „feministischen Frauen“, aber das Label ist hier nicht hilfreich, weil der Feminismus häufig als generell anti-religiös verstanden wird (nicht ganz ohne Grund). Das Kriterium kann aber nicht sein, ob eine Muslimin oder Jüdin dem möglichst nahe kommt, was eine deutsche Mehrheitsgesellschaft sich unter feministisch vorstellt. Sondern es geht darum, Frauen zusammenzubringen, die sich selbst als religiös verstehen, und zwar in einem durchaus „orthodoxen“ Sinn, und gleichzeitig aus einer Perspektive weiblicher Freiheit heraus handeln und sprechen, ohne dabei inhaltlich vorab festzulegen, wie weibliche Freiheit auszusehen hat.

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10 Gedanken zu “Das Wasser, in dem wir schwimmen, ohne es zu sehen

  1. ob man die eigene Perspektive wirklich aufgeben kann, wenn sie einen selber überzeugt? Als protestantische Pfarrerin habe ich da so meine Zweifel…

    1. @doro – wie meinst du das? Es sagt doch niemand, dass man die eigene Perspektive aufgeben soll. Man soll nur sich klarmachen, dass es eine (partikulare) Perspektive ist und nicht die einzig mögliche Sichtweise. Und man soll im Diskurs mit anderen nicht die eigenen Machtvorteile in die Waagschale werfen bzw. sich darüber im Klaren sein, wie die Machtverhältnisse sind.

    2. Ich frage mich, was ist die Perspektive „protestantische Pfarrerin“? Das Spektrum reicht vom de facto Atheisten bis zum hardcore Fundamentalisten/in …

      1. Ja, Burhanuddin1, so ist das wohl! Hinzu kommt, dass ich so ziemlich alle „Arten“ („Ausganen“) von Protestantismus und „protestantischen PfarrerInnen“ kenne, und allein unter diesen die Differenzen dazu weit größer erscheinen, als zu den diversen Katholiken, oder zu diversen Muslima, erst recht zu den diversen Juden.
        Ich denke, Antje Schrupp hat sich mit dieser Erwähnung so keinen Gefallen getan, denn sie bleibt mit einer von zig vorhandenen Betrachtungsweisen incl. einer atheistischen wohl ziemlich allein.
        Wollen wir auf der Höhe unserer gegenwärtigen Zeit bleiben, gleich welcher Religion oder nicht zugehörig, so kann nur gelten:
        Meine (persönliche) Freiheit endet stets dort , wo die eines anderen Menschen beginnt – aber eben AUCH UMGEKEHRT!
        Darauf muss ich bauen können.
        Das wäre meine Antwort zu dem Rahmen, um den es hier wohl geht.

  2. @Antje:
    …“Dort sage ich ebenfalls an einer Stelle, dass vieles von dem, was heute sich als säkular und atheistisch versteht, eigentlich auf der Folie eines protestantischen Religionsverständnisses abspielt.“…
    Na klar, worauf denn auch sonst? Ich kann natürlich nur für mich und nicht für andere Atheistinnen oder Atheisten sprechen, aber viele von uns wuchsen und wachsen natürlich noch in einer Welt auf, die mehr oder weniger von protestantischer oder katholischer Grundeinstellung („christliche Werte“ und so) geprägt war und ist. Das schmeisst man ja nicht einfach mal so eben über Bord, da steckt man ja drin und „es“ steckt in einem selbst auch drin.
    Vielen Atheisten ist ja genau das ein besonderer Grund, diese „Folie“ oder die Wurzeln dessen, mit dem man sich zwar einerseits vertraut-verbunden, von dem man sich jedoch andererseits abgestoßen und unverstanden fühlt, genauer zu untersuchen und zu hinterfragen.
    Ich finde es total logisch und nachvollziehbar, dass sich in der säkularen Welt weiterhin Rituale, Strukturen und Handlungen halten oder neu ausbilden, die an das bekannte, jahrhundertelang eingeübte und immer noch prägende Gerüst der Religionen anknüpfen.
    Mit den Religionen selbst ist es doch nicht wirklich anders gelaufen. Eine neue Religion wurde oft (mehr oder weniger sensibel) in bestehende gemeinschaftliche Abläufe und Riten eingefügt, manchmal auch brutal übergestülpt.
    Und dann vergehen die Generationen und irgendwann ist alles ein großes Durcheinander.

    1. @Sternenguckerin 12. November 2015
      Ich muss dir beipflichten, auf die Gefahr hin, dass mich AtheismusGernegrosse nun ausstossen wollen, weil sie es noch nicht geschnallt haben:
      DIe Sprache, mit der wir heute denken und kommunizieren, die Deutungen und Bedeutungen der Substantive, Verben, Adjektive und Subjekt-Objekt-Konstellationen sind vor allem seit und durch Luthers Bibelübersetzung in die damit beginnende einheitliche „Deutsche Sprache“ derart von den christlich-protestantischen(!) Kriterien und Hintergründen geprägt, dass wir ohne dieses Instrumentarium heute nicht einmal mehr den Atheismus in deutscher Sprache erklären könnten.
      Gewiss, das mag manchem (und nicht nur Atheisten) so nicht geläufig oder angenehm sein, aber genau aus diesem Hintergrund erklärt sich allein, warum selbst Atheisten von der Kultur des „christlichen Abendlandes reden, z.B. gewisse Spaziergänger Dresdens im zu 75 % nichtreligiösen Sachsen …

      Wer diesen Hintergrund aus welcher ideologisierten Verbohrtheit oder Unwissenheit oder Polit-Heimtücke heraus versucht zu leugnen, stellt sich und seiner Überzeugung ein miserables sachliches Urteil aus.
      Wenn also selbst der Atheist heutig von der Kultur des christlichen Abendlandes in Europa, z.B. in Deutschland spricht, kommt damit für ihn nicht im geringsten die Anerkennung einer Religion, eines Gottesglaubens oder Ähnliche Bindung zum Ausdruck, sondern lediglich seine historische Belesenheit und Hintergrundkenntnis der Gegenwart.

      Und wenn dann Antje Schrupp oder wer auch immer das als „Schwimmen in dem Wasser – ohne es zu sehen“ bezeichnen möchte, so sei ihr das aus ihrer Sicht gegönnt, meint sie doch letztlich damit ihre Religions- un Glaubensgemeinschaft und wohl weniger die sperrigen Atheisten, wobei rein sachlich und sprachlich auch da „was dran“ wäre (s.o.)
      (;-))

  3. Ich finde es merkwürdig, dass bei einer solchen Diskussion eine praktizierende Jüdin (eine absolute Minderheit in Deutschland) auf dem Podium sass, aber keine praktizierende Muslimin. Schliesslich hat die gesamte „Kopftuchdebatte“ weniger die Kopftuch-, Sheitl- oder Snoottragende Jüdinnen betroffen, sondern primär Musliminen, die sowohl der Debatte, der Ablehnung und den Gesetzen voll ausgeliefert waren und sind.
    Nicht, dass eine Debatte nur dann „authentisch“ sein kann, wenn „Authentische“ im Plenum sitzen, aber: konnte man da niemanden finden oder wie kommt das zustande?

    „dass man doch diejenigen jüdischen und muslimischen Stimmen hervorholt, die am besten in den “protestantisch-liberal-säkularen” Bezugsrahmen passen. Natürlich ist das eigentlich ein Sich im Kreis Drehen, weil man eben genau nicht zu den interessanten Fragen vordringt, an denen die eigentlichen Differenzen möglicherweise liegen.“

    Das unterstreiche ich voll und ganz, wobei ich sagen würde, auch Tzuberi gehört in diesen Bereich als sehr moderne, feministische jüdische Frau.

    R

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