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Twittern und Beten

Ina Praetorius hat sich kürzlich in ihrem Blog über „postsäkulare Transzendenz“ Gedanken gemacht (englischer Text). Darin schreibt sie über die Notwendigkeit, Formen zu finden, die den Sinn religiöser Praktiken erhalten, sie aber von der Engführung auf bestimmte konfessionelle Traditionen zu lösen, da sie normalerweise bei säkularen Zusammenkünften nicht mehr funktionieren, wo ja in der Regel Menschen aus unterschiedlichen – oder gar keinen – religiösen Traditionen zusammenkommen. Sie schreibt:

I think that the wholesome meaning of these practices consists in an opening up for the outside, for a wider context, for transcendence in a broad sense, in bringing to mind that what we are doing in here is not the center of the world and not an end in itself, but should be connected to the well-being of all. Opening up a conference in this sense is at the same time relaxing and challenging: we are not able and we do not have to save the world right here and now, but we are able and we are bound to continually create connections to THE MYSTERY that, as we know from all our religious traditions, is, essentially, justice, peace and wellbeing for all…

How will we, in a world that cant return to traditional forms of religion but nevertheless feels the void left behind by them, find new ways of relating to what could be calledpostreligious or postsecular transcendence?

Davon ausgehend habe ich kürzlich mit ihr und anderen politischen Freundinnen über Parallelen zwischen Beten und Twittern diskutiert. Um später vielleicht mal darauf zurückgreifen zu können, schreibe ich das einmal auf, denn ich finde, die Ähnlichkeiten sind groß.

Zunächst einmal die Formen: Es geht um Klagen (und Anklagen), Freude und Dankbarkeit, Lobpreis, Bitten (um Hilfe), Fragen und Zweifel, Schuldbekenntnisse. Diese richten sich nicht an eine bestimmte, adressierbare andere Person, sondern an etwas Jenseits des konkreten Kontextes, an „das große Umunsherum“ (wie Ina Gott unter anderem nennt), an niemand Bestimmten. Und dennoch ist es verbunden mit der Hoffnung auf Resonanz, mit dem Wunsch, gesehen zu werden, mit dem Bedürfnis, etwas zu formulieren und auszusprechen und in die Welt zu stellen.

Interessant fand ich den Einwand einer Mitdiskutantin, die diese Parallelisierung zwischen Beten und Twittern zweifelhaft fand, und folgenden Unterschied stark machte: Beim Twittern spreche ich öffentlich, wenn ich etwas Falsches sage, kann ein Shitstorm folgen, deshalb muss ich mich dabei kontrollieren und genau überlegen, was ich sage. Beim Beten richte ich mich nur an Gott, dabei kann ich auch spontan und ganz offen sein, denn es kann nichts Gefährliches passieren.

Dabei kam mir jedoch die Frage, ob das nicht letztlich bedeutet, Gott als Gegenüber nicht ganz ernst zu nehmen, also  nicht wirklich zu glauben, dass Beten etwas bewirkt. Denn müsste ich meine Worte im Gespräch mit Gott nicht eigentlich noch viel sorgfältiger wählen als im Gespräch mit der Twitter-Öffentlichkeit? Das sind ja doch bloß Menschen, aber Gott ist doch Gott! Wir diskutierten dann noch eine Weile darüber, ob nicht Twitter äußerlich ist (ich äußere etwas, stelle eine Aussage in die Welt), während ein Gebet innerlich ist. Wir haben uns darüber nicht geeinigt, aber ich finde nicht, dass ein Gebet innerlich ist. Auch bei einem Gebet „äußere“ ich mich, nämlich gegenüber Gott.

Eine weitere Parallele fiel mir auf: Ein Gebet, so sagt man, wirkt nur, wenn es wirklich ernst gemeint ist. Sünden werden nur vergeben, wenn sie mit authentischer Reue, Buße und Umkehr einhergehen, nicht, wenn die Zerknirschtheit nur äußerlich und strategisch ist. Genauso funktioniert es auch auf Twitter: Wer in ein Fettnäpfchen des Diskurses tritt und daraufhin von vielen heftig kritisiert wird, hat nur eine Chance, da wieder rauszukommen, wenn er oder sie sich ernsthaft mit den Vorwürfen auseinandersetzt und das eigene Verhalten ändert. Scheinheilige oder uneinsichtige „Nopologies“ funktionieren weder bei Twitter noch bei Gott.

Beten und Twittern zu parallelisieren könnte beidem wieder mehr Ernsthaftigkeit verleihen. Im Prinzip geht es darum, etwas zu sagen und auszusprechen und dafür einerseits Verantwortung zu übernehmen, sich andererseits aber auch mit etwas „Größerem“ zu verbinden und die Kontrolle über die Folgen des eigenen Sprechens aufzugeben.

Was beim Beten nur Glaubenssache ist, ist beim Twittern ganz offensichtlich: dass diese Äußerungen Folgen haben, die positiv oder negativ sein können. Es geht letztlich darum, die Essenz eines Tages, einer Veranstaltung zu formulieren und „rauszulassen“, es geht um Vergewisserung, Zuspruch, Schönheit, Aufmunterung, Liebe, Hoffnung, Zweifel. Und Twitter ist – neben dem Beten – die einzige Möglichkeit, die mir einfällt, wie ich das tun kann, ohne mir zuvor eine bestimmte Person oder ein Publikum zu suchen, das ich adressieren kann.

Als ich auch über diese Überlegungen wiederum twitterte, wurde ich von religiösen Menschen zu einer Twitterandacht eingeladen. Auch Twittergottesdienste gibt es inzwischen. Es gibt momentan das Bemühen, neue Medien in alte religiöse Formen einzubinden, oder beides miteinander zu verbinden. Ich halte das nicht für sehr aussichtsreich. Die Leute, die sich in klassischen christlichen Formen wie Gottesdienst und Andacht heimisch fühlen, sind ohnehin nur noch eine Minderheit, und die darunter, die auch noch gerne twittern, sind eine nochmal kleinere Minderheit.

Ich glaube nicht, dass es praktisch-theologisch etwas bringt, „alten Wein in neue Schläuche“ zu tun, also alte Formen (Liturgien, Andachten) in neue Medien zu verpacken. Sondern das Spannendere wäre, wahrzunehmen, wo die zentralen religiösen Praktiken (eben Beten zum Beispiel) sich schon längst innerhalb der neuen Medien Bahn gebrochen haben, ohne dass sie zwar so genannt werden, aber doch sehr ähnlich funktionierend. Diese neuen Formen lassen sich nicht konfessionell vereinnahmen, aber das ist, glaube ich, auch gar nicht nötig. Gott versteht das auch so.

PS: In dem Zusammenhang fällt mir noch ein Vortrag von Josefine Matthey auf der Open Mind 15 ein, in dem sie unter anderem über feministische Selfie-Aktionen sprach und dabei einen Satz sagte, der mir (sinngemäß) hängen geblieben ist: „Man muss keinen Grund dafür haben, sichtbar sein zu wollen.“ – Dies als Replik darauf, wenn Menschen dafür kritisiert werden, dass sie Bilder von sich ins Netz stellen, obwohl sie „nicht schön“ sind, oder wenn das als überflüssige Selbstdarstellung lächerlich gemacht wird.

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