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Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen?

„Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“ – dieser Satz von Paulus wird häufig zitiert, und zwar in der Regel falsch. Die einen führen es als Beleg dafür an, dass auch Paulus gegen ein Bedingungsloses Grundeinkommen wäre, weil nur die, die arbeiten, auch essen sollen (was offenbar als Metapher für „Geld bekommen“ gelesen wird). Die anderen nehmen es als Beleg dafür, dass schon Paulus für so etwas wie eine protestantische Arbeitsethik gewesen wäre.
Auch in dem aktuellen Heft von „Brandeins“ zum Thema Faulheit wird dieses Zitat in diesem Sinne genannt. Ich schrieb deshalb einen Kommentar an die Redaktion, den ich hier auch nochmal poste:
Das interessante Heft über Faulheit habe ich gerne gelesen. Zwei Mal führen Sie darin jedoch (in unterschiedlichen Artikeln) das Paulus-Zitat „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“ als Beleg dafür an, dass das Christentum (damals schon) gegen Faulheit gewesen wäre. Sicher ist das später in der Kirche oft so ausgelegt worden. Paulus hat aber etwas anderes gemeint. Er richtet den Satz nicht an die „Faulen“, sondern an die Reichen, die gewohnt waren, andere für sich arbeiten zu lassen. Aber in der christlichen Gemeinschaft sollten genau diese Hierarchien nicht mehr gelten, und zwar ganz konkret bei gemeinsamem Essen: Da sollten nicht die einen arbeiten und die anderen sich an den gedeckten Tisch setzen, sondern, „Da ist nicht Arm und Reich“ und eben auch: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht (mit)essen)“. Es ist ein Appell für soziale Gleichheit, und kein Appell gegen Faulheit.
Wisster Bescheid.
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Religion und Politik, oder: Warum die Zwei-Reiche-Lehre prima ist

Wie politisch darf_muss Religion sein? Beziehungsweise: In welchem Verhältnis stehen religiöser Glaube und politisches Engagement? Sollen sich religiöse Überzeugungen (nicht) in die Politik einmischen?

Diese Fragen sind ja ziemlich aktuell. Die allgemeine Stimmung in Deutschland scheint momentan eher in die Richtung zu laufen, dass sich Religion gar nicht politisch einmischen soll, sondern Privatsache ist. Vor zwanzig, dreißig Jahren war die Debatte noch andersrum: Da wurde darüber geklagt, dass die Kirche zu unpolitisch sei und sich zum Beispiel nicht laut genug gegen Ungerechtigkeit und Kapitalismus und Kolonialismus zu Wort melde.

Beziehungsweise nein, eher haben sich die Seiten verdreht. Während vor zwanzig, dreißig Jahren die Rechten für eine unpolitische Kirche waren („Nicht zu viel Politik auf der Kanzel!“) und die Linken „Theologie der Befreiung“ predigten (manche sammelten sogar Geld für Waffen für Nicaragua), ist es heute andersrum: Die Rechten mobilisieren in christlichen Kreisen gegen Bildungspläne und zu lasche Sterbehilfe-Verbote, während die Linken eine strikte Trennung von Staat und Kirche wollen und es am liebsten sähen, wenn sich Religion nur im privaten Kämmerlein abspielte.

Und bei manchen ist es sogar so, dass die Trennung zwischen dem Wunsch nach politischer und unpolitischer Religion je nach Thema schwankt: Wenn die Religiösen meiner Meinung sind, sollen sie sich bitte auch politisch dafür stark machen, wenn sie nicht meiner Meinung sind, sollen sie bitte den Mund halten.

Das Problem mit dem Verhältnis von Religion und Politik stellt sich vor allem (oder nur?) in Gesellschaften, in denen das Konzept „Gott“ nur bei Teilen der Bevölkerung in Gebrauch ist. Also vor allem in modernen, säkularen Gesellschaften, in denen es nicht als Argument gilt, wenn ich mein politisches Projekt mit „Gott will das so“ begründe, weil es genügend Menschen gibt, die dann antworten: „Na und, ist mir doch egal“. (In nicht säkularen Gesellschaften hingegen gehen politische Debatten dann normalerweise mit „Nee, Gott will was anderes“ weiter).

Mir persönlich gefallen säkulare Gesellschaften besser, weil ich der Meinung bin, dass die Frage, was Gott will, in politischen Debatten nichts zu suchen hat – ganz einfach deshalb, weil Menschen nicht zweifelsfrei wissen können, was Gott will, und daher dieses Argument immer Gott für die eigenen Ansichten instrumentalisiert und daher im Kern gotteslästerlich ist.

Aber das Dilemma stellt sich nicht erst in säkularen Gesellschaften, sondern in allen. Jedenfalls ist es im Christentum schon früh erkannt worden; ich glaube sogar, dass die Abkehr von der Praxis, sich bei der politischen Durchsetzung eigener Wünsche und Ideen auf Gott zu berufen (die in der Antike gang und gäbe war und es in vielen Weltregionen heute noch ist), zum Kern des Christentums gehört – auch wenn das später natürlich vielfach von der Kirche missachtet und geleugnet wurde. Aber Teile davon haben sich durch die ganze christliche Geschichte gezogen. In der Säkularisierung sehe ich daher keine Gegenbewegung zum Christentum, sondern die Umsetzung einer ihrer wichtigsten Strömungen, die etwas ganz Wesentliches der christlichen Botschaft betont.

Und zwar den klaren Ausspruch von Jesus: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“ (Johannesevangelium 18,26), an dem es ja eigentlich nichts zu deuteln gibt. Im Kontext wird das sogar noch klarer: Pilatus fragt, warum seine Anhängerinnen und Anhänger ihn denn nicht vor der Verhaftung gerettet hätten, ja es noch nicht einmal versuchten. Und Jesus antwortet: „Wäre mein Reich von dieser Welt, so hätten meine Diener gekämpft, … nun aber ist mein Reich nicht von hier.“ Das ist eine klare Absage daran, die eigenen religiös begründeten Wünsche (nämlich Jesus als König zu haben, zum Beispiel) mit weltlichen Macht- und Kampfmitteln durchzusetzen.

Der Wert der so genannten „Zwei-Reiche-Lehre“ wird meiner Meinung nach sehr unterschätzt. Die schlechte Meinung, die viele von ihr haben, kommt vor allem von einer bestimmten Auslegung, die sie im Anschluss an Paulus erfahren hat, der das Ganze im Römerbrief ja noch einmal sehr zugespitzt hat. Da schreibt er nämlich (Kapitel 13): „Jeder leiste den Trägern der staatlichen Gewalt den schuldigen Gehorsam“ – besser bekannt in der etwas krasseren Lutherübersetzung „Jedermann sei untertan der Obrigkeit“ – und weiter: „Denn es gibt keine staatliche Gewalt, die nicht von Gott stammt; jede ist von Gott eingesetzt. Wer sich daher der staatlichen Gewalt widersetzt, stellt sich gegen die Ordnung Gottes.“

Das ist lange als Argument gegen jegliche Art von Aufstand und Revolution ausgelegt worden (zum Beispiel von Luther), aber das geht meiner Meinung nach am Kern dessen, was Paulus sagen will, vorbei. Er schreibt ja weiter: „Seid stets darauf bedacht und gebt allen, wozu ihr verpflichtet seid: Wem ihr Abgaben zahlen müsst, zahlt Abgaben. Wem ihr Zoll zahlen müsst, zahlt Zoll. Wen ihr fürchten müsst, fürchtet. Wen ihr achten müsst, achtet.“ Ich lese darin nicht einen Appell zur Unterwürfigkeit, sondern einen Appell, dass Christinnen und Christen sich als Teil der Welt begreifen sollen und dass sie nicht aus ihrem Glauben das Recht ableiten können, sich an bestimmte Gesetze nicht halten zu müssen oder Sonderrechte beanspruchen zu können oder sonst etwas dergleichen. Was Paulus hier letzten Endes tut, ist nichts anderes, als ein säkulares Staatsverständnis zu begründen: Es stellt klar, dass es für Christinnen und Christen nicht legitim ist, eine staatliche, weltliche Ordnung mit dem Argument abzulehnen, dass sie gegen Gottes Willen sei. Denn jede staatliche Ordnung ist nach Gottes Willen.

Das bedeutet meiner Meinung nach nicht die Unterordnung unter jeden Diktator und Tyrannen. Denn insofern Christinnen und Christen Teil der Welt sind, können und müssen sie dort natürlich handeln wie alle anderen Leute auch. Sie sind ganz normale Menschen mit Meinungen, Rechten, Möglichkeiten und so weiter, und als solche können sie auch ganz normal politisch aktiv sein. Sie können Mitläufer, Revolutionärinnen, Könige, whatever sein. Nur mit Gott hat das Ganze eben nichts zu tun. Sich der Obrigkeit unterzuordnen bedeutet, die Regeln und Gesetzmäßigkeiten der weltlichen Politik zu respektieren, also sich im Bereich des Politischen auf die jeweils üblichen Prozesse zu beschränken und nicht „im Namen des Herren“ eine besondere Legitimität für sich selber zu beanspruchen.

Gottes Reich ist nämlich nicht von dieser Welt, sondern es spielt sozusagen auf einer anderen Ebene. Auch von dieser anderen Ebene ist im Römerbrief die Rede. Die Begründung, die Paulus dafür gibt, dass Christinnen und Christen die staatliche Ordnung anerkennen sollen, ist ja interessant: „Dann seid ihr niemandem etwas schuldig – außer einander zu lieben. Denn wer andere liebt, hat die Tora erfüllt.“

Punkt, Basta. Gottes Reich hat nur ein einziges Gebot, und dieses Gebot ist der Maßstab, den Christinnen und Christen an sich anzulegen haben und an dem sie ihr politisches Engagement überprüfen müssen: Lieben sie die anderen? (und bekanntlich schließt das ja christlich gesehen explizit ihre Feinde und Feindinnen ein!) – das ist alles, was Gott von ihnen will.

Das wiederum ist freilich nicht gerade wenig, aber es ist kaum etwas, das sich nach „weltlichen“ Maßstäben überprüfen oder gesetzlich vorschreiben ließe. Aus dem Gebot „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ (immer noch Römerbrief) lässt sich nicht ableiten, ob ich zum Beispiel für oder gegen Sterbehilfe bin oder für oder gegen Waffenlieferungen an die kurdischen Truppen im Irak. Sondern was ich mich fragen muss, ist: Bin ich für oder gegen Sterbehilfe, Waffenlieferungen, whatever weil ich die anderen, inklusive meiner Feinde, liebe? Oder liebe ich sie nicht, sondern habe andere Gründe und Motive für mein Handeln?

Damit lässt sich aus der Zwei-Reiche-Lehre auch schließen, dass die weltliche Seite der Religionen – Institutionen wie die Kirche zum Beispiel – ebenfalls nicht politisch agieren dürfen. Es ist sicher sinnvoll, als große Glaubensgemeinschaft irgendwelche Strukturen und Organisationsformen herauszubilden, aber diese sind ja ganz klar Teil der „weltlichen Reiche“ und nicht die institutionelle „Hand Gottes“. Die Trennung von Staat und Kirche ist meiner Meinung nach durch die Zwei-Reiche-Lehre in den Grundprinzipien des christlichen Glaubens verankert.

Damit ist aber nicht gesagt, dass Religion nur Privatsache wäre, eine Art persönlicher Geschmack, der keine Auswirkungen auf die Welt hätte. Das wäre ja eine ziemlich witzlose und überflüssige Angelegenheit. Im Vaterunser heißt es ja explizit: „Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auch auf der Erde.“ Also nicht nur im Himmel.

Gottes Reich ist nicht irgendwo im Jenseits, sondern „mitten unter euch“, wie Jesus an anderer Stelle sagt. Und es gibt ja massenweise Gebote, Geschichten und Gleichnisse, die schildern, wie es im Reich Gottes zugeht, und sie spielen alle auf der Erde, im Hier und Jetzt. Sie sind sozusagen die „Ausführungsbestimmungen“ zum Liebesgebot: Von den zehn Geboten über die Bergpredigt bis zum verlorenen Sohn oder dem Scherflein der Witwe und so weiter und so fort ist die Bibel voll von sehr konkreten und anschaulichen diesbezüglichen Ausführungen.

Aber das sind eben keine Gesetze oder universelle Regeln, sondern Geschichten, Beispiele, eben Hilfestellungen zur Umsetzung des Liebesgebots. Es sind Inspirationen, an denen man sich orientieren kann – und die sehr oft der „weltlichen Logik“ des Lebens diametral entgegenstehen. Sie sind sehr radikal, aber das können sie nur sein, weil sie eben niemals die Form von weltlicher Macht annehmen dürfen: „Wann kommt das Reich Gottes?“ fragen die Pharisäerinnen und Pharisäer (Lk 17, 20ff), und Jesus antwortet: „Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man es beobachten kann; man wird auch nicht sagen: Siehe, hier ist es!, oder: Da ist es! Denn das Reich Gottes ist mitten unter euch.“

Das Reich Gottes kommt nicht dann, wenn wir ein Gesetz gegen Einkaufen am Sonntag haben, sondern es ist da, wenn Menschen regelmäßig einen Ruhetag einlegen, um einen Raum zu schaffen, in dem sie sich auf anderes als ihr Alltagsgeschäft besinnen können. Das Reich Gottes kann nicht politisch eingefordert werden, sondern es ist schlicht und einfach da, wo Leute entsprechend leben. Und wo sie es nicht tun, da ist es eben nicht. Keine weitere Pointe. Das Reich Gottes ist gleichzeitig da und nicht da, gleichzeitig Utopie und Realität.

Dass Menschen nicht losziehen und im Namen Gottes weltliche Macht beanspruchen oder ausüben, ist jedenfalls eine wesentliche Vorbedingung dafür. Gottes Reich ist garantiert nicht da, wo Menschen in Gottes Namen Macht ausüben. Es ist zwar auf dieser Welt, aber nicht von dieser Welt.

Ehrlich, je länger ich über die Zwei-Reiche-Lehre nachdenke, desto grandioser finde ich sie.

Das Leben Jesu als Seifenoper

Den Jesus-Thriller „Zealot“ von Reza Aslan, der in den USA heftige Diskussionen ausgelöst hat (wenn auch unter der eher gagaesken Fragestellung, ob ein Muslim überhaupt ein Buch über Jesus schreiben darf), habe ich tatsächlich in einer Woche durchgelesen. Wirklich ein spannendes Buch, mir gefällt es, wenn „trockene“ Themen unterhaltsam und dabei doch inhaltlich nicht flach aufbereitet werden.

Aslan präsentiert „The Life of Jesus“, seine Hinrichtung am Kreuz und die ersten Jahrzehnte danach in Form einer Soap-Opera, mit Intrigen, Emporkömmlingen, Attentaten und politischen Verwicklungen. Das ist nicht nur unterhaltsam, sondern auch informativ. Zum Beispiel kriegt man all diese „Messiasse“, die es damals gegeben hat und von denen im Theologiestudium immer nur so vage die Rede war, mal persönlich im Detail vorgestellt. Auch die politische Lage in der damaligen römischen Provinz Palästina wird anschaulich, und auch die dabei relevanten Persönlichkeiten von Pilatus über Herodes bis zu Kaiaphas.

Die These, die Aslan dabei plausibel machen will, ist theologisch gesehen nicht ganz taufrisch: Der sozialrevolutionäre und von seinen Anhänger_innen als Messias identifizierte, aus bäuerlichem Milieu stammende Jude Jesus von Nazareth wurde später vor allem von Paulus zum universalen Erlöser uminterpretiert, zu „Jesus Christus“ nämlich. Während es Jesus von Nazareth um ein vor allem sozialpolitisches Programm zugunsten der Armen und zur Rettung einer „jüdischen“ Unabhängigkeit und Befreiung von der römischen Okkupation gegangen sei, durchaus auch in religiösen Dingen, habe Paulus eine weltweite Religion stiften wollen, die sich mit dem römischen Reich irgendwie arrangiert. Dabei wird Paulus vor allem als Gegenspieler zur Jerusalemer Jesus-Gruppe um Jakobus, den leiblichen Bruder von Jesus, stilisiert. Ist als Grundidee soweit ich weiß schon vor hundert Jahren diskutiert worden.

Unterm Strich lautet Aslans Botschaft: Das Christentum hat die ursprüngliche Intention des Jesus von Nazareth verlassen und sich ein ganz eigenes Glaubenssystem gebacken, das mit den historischen Ereignissen zu Jesu Lebzeiten kaum noch was zu tun hat. Natürlich leidet auch Aslans Argumentation dabei unter dem simplen Umstand, dass über den historischen Jesus von Nazareth praktisch nichts bekannt ist außer dem Umstand, dass er gelebt hat, höchstwahrscheinlich aus einem Kaff namens Nazareth stammte und von den Römern gekreuzigt wurde, was darauf schließen lässt, dass diese ihn für einen politischen Aufrührer hielten.

Alles andere ist in halt notwendigerweise Spekulation, und das ist auch nicht weiter schlimm: Warum sollte nicht historische Forschung auch mal ein bisschen plausibel spekulieren, so lange es im Rahmen dessen bleibt, was die Quellen hergeben.

Allerdings sehe ich bei Aslan da in dem Bemühen, trotz magerer Faktenlage eine konsistente Story zu konstruieren, einige methodische Schwächen: Dass die Römer Jesus für einen politischen Aufrührer hielten heißt ja zum Beispiel nicht, dass er auch tatsächlich einer war – es soll ja schon vorgekommen sein, dass Gewaltregime, wie das römische Reich sicher eines war, Leute zu Unrecht verurteilt haben. Auch kann man aus zeitgenössischen Erwartungen zum Thema „Messias“ nicht unbedingt schließen, dass der historische Jesus diese teilte – es soll ja auch schon Individuen gegeben haben, die bestimmte Dinge anders gesehen haben, als sie zu ihrer Zeit mehrheitlich gesehen wurden.

Eine andere problematische Interpretation ist, dass Aslan ziemlich klare Grenzen zieht, welche religiösen Ansichten „noch jüdisch“ sind (Jesus und die Jerusalemer Gruppe) und welche „ganz klar nicht mehr jüdisch sind“ (Paulus). Eine befreundete Neutestamentlerin, mit der ich mich darüber unterhielt, sagte mir, dass man heutzutage eigentlich davon ausgeht, dass „Judentum“ damals eine sehr viel pluralere Angelegenheit war, als es im Rückblick scheinen mag. Manche gehen sogar davon aus, dass das „Judentum as we know it“ sich selbst erst nach der Tempelzerstörung im Jahr 70 n.Chr. beziehungsweise der gänzlichen Zerstörung Jerusalems in der Mitte des 2. Jahrhunderts herausgebildet hat, also sozusagen parallel und zeitgleich zum Christentum. Beides, (rabbinisches) Judentum und Christentum wären sozusagen zwei Strömungen, die auf diese Ereignisse reagieren und sie unterschiedlich verarbeiten. Jedenfalls ist es schwierig, zu behaupten, Paulus (der im Jahr 64 n.Chr. von den Römern hingerichtet wurde, also lange vor der Tempelzerstörung) wäre „nicht mehr jüdisch“ gewesen. Das ist vielmehr eine spätere, antijudaistische Konstruktion christlicher Theologen gewesen.

Darüber hinaus wirft das Buch aber noch interessantere Fragen auf. Es zeigt nämlich, wie stark die Idee des „Ursprungs“, der „reinen Quelle“, des „Originals“ in unserer Kultur ist. Gerade Religionen werden oft als bloße Hinterlassenschaften eines (praktisch immer männlichen) „Religionsstifters“ verstanden – wobei sie doch eigentlich Gemeinschaftsproduktionen von Bewegungen sind, in sich plural und über die Zeit hinweg sich dauernd verändernd. Damit zusammen hängt die Idee, es gäbe „richtigen“ und „falschen“ Glauben, wobei dann Richtig und Falsch noch nicht einmal für sich stehen, sondern am Maßstab des „Kommt dem, was der Religionsstifter wollte, am nächsten“ gemessen werden. Wieso eigentlich?

Dazu werde ich demnächst nochmal ausführlicher was schreiben.