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Absoluter Gott, relativer Mensch

Ach, wie wäre das schön, wenn wir uns einfach so über Gott unterhalten könnten. Aber es sitzen da immer so viele andere Leute noch mit am Tisch.

khorchideGerade habe ich das Buch „Gott glaubt an den Menschen“ von Mouhanad Khorchide gelesen. Ich finde die Frage spannend, wie sich das muslimische und das christliche Gottesbild voneinander unterscheiden. Ich sehe ja Gott nicht gerne als großen Zampano, und habe die Muslim_innen immer etwas im Verdacht, Gott zu weit „oben“ anzusiedeln, ihn zu HERRLICH zu machen. Und seine männlichen Propheten gleich mit, so wie sie zum Beispiel nicht glauben, dass Jesus gekreuzigt wurde und also tot war, sondern dass jemand anderes an seiner Stelle hingerichtet wurde.

Also: Im Islam ist Gott der Andere, ich als Christin sehe Gott eher als Gegenüber, als in Beziehung zu mir. Das islamische Gottesbild des „Ganz anders“ habe ich auch bei Khorchide wieder gefunden, aber in einer Interpretation, die ich interessant finde, nämlich als Hort der Unverfügbarkeit: Weil Gott so anders und so „weit oben“ ist, können wir Menschen Gottes Wahrheit nie ganz erkennen. Gott ist absolut, Menschen sind immer relativ. All die Attribute, die Gott (nicht nur) im Islam zugeschrieben werden – Barmherzigkeit, Gerechtigkeit, Frieden usw. – können Menschen zwar anstreben, sich ihm möglichst annähern, aber eben damit immer nur relativ erfolgreich sein. Die absolute Barmherzigkeit, Gerechtigkeit, Wahrheit usw. ist dadurch gewissermaßen bei Gott beschützt, Menschen haben keinen Zugriff darauf.

Damit kann ich viel anfangen, ich finde, es ähnelt ein bisschen der „Unverfügbaren Leerstelle“(UVL), die ich hier mal als Synonym für Gott vorgeschlagen habe. Uns beiden geht es darum, zu zeigen, dass alle, die behaupten, Gottes Willen zu kennen und für sich beanspruchen, den anderen aufzuzwingen, häretisch sind, Gotteslästerung betreiben.

Lustigerweise überschrieb ich einen Text dazu mit „Gott kann uns nicht helfen, aber wir ihr_ihm“, und in Khorchides Buch geht es auch darum, dass wir Menschen die „Kalifen“ Gottes auf der Erde sind und damit die Aufgabe haben, dafür zu sorgen, dass alles hier so ist, wie es Gott gefällt. Gott greift nicht direkt auf der Erde ein, sondern urteilt erst beim Jüngsten Gericht (wenn ich es richtig verstanden habe – heißt das eigentlich, Gott tut nach islamischer Auffassung keine Wunder? Es gibt dort also keine Theodizee-Frage?)

Navid Kermani hat mal in einem Vortrag, bei dem ich anwesend war, gesagt, dass es den Islam wohl gar nicht geben würde, wenn die Christ_innen nicht die Trinität erfunden hätten, also die Idee, dass es Gott in dreierlei Erscheinungsformen gibt – als Schöpfer, als Mensch, als Heilige Geistkraft. Daraus wäre die Notwendigkeit entstanden, dass diejenigen, denen der strikte Monotheismus wichtig ist, eine andere Religion entgegen setzen: „Ich bezeuge, dass es keine andere Gottheit gibt, außer dem einen Gott“ (so beginnt das islamische Glaubensbekenntnis).

Nach der Lektüre von Khorchides Buch kann ich noch besser verstehen, warum Menschen, die auf „rational und logisch“ stehen, den Islam attraktiv finden. Er ist definitiv rationaler und logischer als das Christentum, allerdings mag ich Gott nicht nur auf das Schöpfersein reduzieren, ich möchte auf Gott in der Version Mensch und in der Version Heilige Geistkraft nicht verzichten. Und der Monotheismus ist imho auch nicht das letzte Maß aller Dinge (um Rosemary Redford Ruether anzuführen).

Aber die Diskussion darüber finde ich spannend, deshalb wünsche ich mir mehr islamische Theologie im öffentlichen Diskurs. Leider sitzen – so eben auch bei diesem Buch – immer so viele Leute mit am Tisch, die sich überhaupt nicht für Gott interessieren, sondern irgendwelche anderen Agenden verfolgen. So merkt man, dass Khorchide beim Schreiben quasi sich ständig gedanklich rechtfertigt: vor einer muslimischen Community, die ihm womöglich „Anbiederung an den Westen“ vorwerfen könnte, vor so genannten „Islamkritiker_innen“ auf der einen und Islamisten auf der anderen Seite und ihrer übereinstimmenden Auffassung vom „wahren Islam“ (zu dem so jemand wie Khorchide natürlich nicht zählt), und dann schließlich noch vor Otto Normalverbraucher, der alle möglichen Phantasien übe den Islam pflegt und es nicht leiden kann, wenn jemand ihm die durcheinanderbringt.

Unter diesen Umständen ist es sehr schwierig, einen vernünftigten Diskurs zu führen und dabei bei den eigenen Argumenten zu bleiben, und ich freue mich, dass Khorchide das immerhin versucht.

Nicht mit an seinem virtuellen Tisch saßen Frauen. Unter den sehr vielen zitierten muslimischen Theologen und humanistischen Denkern ist mir keine einzige Autorin untergekommen (falls ich nicht was übersehen habe). Islam und Humanismus nach Khorchide scheint eine reine Männerangelegenheit zu sein. Andererseits: Vielleicht ist es ja ganz okay, dass wir ihm nicht auch noch im Nacken gesessen haben, zusammen mit all den anderen.

Mouhanad Khorchide: Gott glaubt an den Menschen. Mit dem Islam zu einem neuen Humanismus. Herder 2015, 19,99 Euro.