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Diese leidige Sache mit Adam

untitledGerade ist ein Sammelband mit Vorträgen und Aufsätzen von Helen Schüngel-Straumann erschienen, einer der wichtigsten feministischen Alttestamentlerinnen. Ein Thema, das ihr besonders am Herzen liegt, ist die Sache mit Adam und Eva (auch mich beschäftigt das Thema schon länger, ich kam damals über die jüdische Theologin Eveline Goodman-Thau drauf).

Bekanntlich hat die christliche männliche Theologie aus der biblischen Urgeschichte um das Paradies sich herbeifantasiert, dass die Frau zweitrangig ist, weil sie aus Adams Rippe erschaffen worden sei. Nicht wirklich Gottes Ebenbild, sondern nur ein Abglanz des Mannes. Und überhaupt ist von ihr die Sünde ausgegangen, weil sie sich von der Schlange hat in Versuchung führen lassen. In dem Bibeltext als solchem steht von all dem nichts, was die feministische Theologie schon lange herausgearbeitet hat (und was inzwischen auch von keinem männlichen Exegeten, also Bibelausleger, mehr ernsthaft bestritten wird).

Der Kniff, der es der frauenfeindlichen Tradition ermöglicht hat, einen so grundlegenden Bibeltext praktisch in sein Gegenteil zu verkehren, war es, das Wort „Adam“, das hebräisch ist und einfach „Menschenwesen“ (ohne geschlechtliche Bestimmung) bedeutet, als männlichen Eigennamen auszugeben und dann zu behaupten, alles, was von „Adam“ gesagt wird, würde nur die Männer betreffen und die Frauen nicht. Aber Adam ist eben kein Mann, sondern der Mann wird erst zusammen mit der Frau erschaffen: Weil Gott sieht, dass es nicht gut ist, dass „der Mensch allein sei“, erschafft er ihr_ihm aus dem eigenen Fleisch ein „Gegenüber, das helfen kann“ (Luther machte daraus: eine Gehilfin), und so entstehen dann „Frau“ und „Mann“ (erst an dieser Stelle tauchen diese Worte im Text auf). Die so genannte Erschaffung Evas ist also in Wahrheit nicht die Erschaffung der Frau, sondern die Erschaffung der Geschlechterdifferenz, oder besser gesagt: der menschlichen Pluralität.

Wie gesagt, das alles ist längst bekannt (zumal ja auch die jüdische Tradition diese ganzen Verdrehungen nicht mitgemacht hat). Aber die erneute Lektüre von Schüngel-Straumanns Texten dazu hat mir doch noch einmal ein paar neue Erkenntnisse verschafft, die ich hier einfach mal aufliste:

  1. Was ich nicht wusste ist, dass auch „Eva“ eigentlich kein Eigenname ist, sondern ebenfalls ein Begriff für ein Menschheitsphänomen. Das Wort bedeutet „Mutter alles Lebendigen“, und genau so ist es auch gemeint: Nicht als Bezeichnung für eine individuelle Frau, sondern als Begriff, der aussagt, dass erst durch die Erschaffung der Differenz (für die die Geschlechterdifferenz sozusagen das Urmuster darstellt) die Menschheit insgesamt „lebendig“ wird. Das erklärt auch, warum „Eva“ als Frauenname im Alten Testament gar nicht mehr vorkommt. (Im Judentum wird Eva auch entsprechend verehrt, sie ist dort nicht die sündige Frau wie im Christentum).
  2. Interessant fand ich auch Schüngel-Straumanns Hinweis auf den so genannten „Herrschaftsbefehl“, wonach die Menschen den Auftrag bekommen, über den Rest der Welt (unbelebte Materie, Pflanzen, Tiere) zu „herrschen“, also letztlich Verantwortung für sie zu übernehmen und die Welt dem eigenen Urteil und dem eigenen Willen gemäß zu gestalten. Dieser Befehl ergeht an alle Menschen, nicht nur an die Männer. Schüngel-Straumann weist darauf hin, dass es ausdrücklich keinen Auftrag dazu gibt, dass die Menschen über andere Menschen herrschen bzw. für andere in diesem bestimmenden Sinne Verantwortung übernehmen sollen. Herrschaft über Menschen kommt nur Gott zu. Herrschaft von Menschen über Menschen ist – laut Genesis – nicht Bestandteil der Schöpfungsordnung.
  3. Laut Schüngel-Straumann ist dies eine Besonderheit des jüdischen Schöpfungsberichts im Vergleich zu anderen Schöpfungsmythen aus dieser Zeit (im Unterschied zum Beispiel zur Sintflut, die praktisch in allen vorkommt). Auch die Gottesebenbildlichkeit (also dass die Menschen sozusagen Gott ähnlich sind bzw. sie_ihn auf der Erde „spiegeln“, vertreten) ist ein üblicher Topos in antiken Schöpfungserzählungen, allerdings wird sie üblicherweise einem besonderen Menschen, dem König oder dem Pharao zugesprochen. Die „Gottgleichheit“ des Königs kann dann als Legitimation dafür dienen, dass dieser König über andere Menschen herrscht. Die Besonderheit der Genesis ist, dass diese Gottebenbildlichkeit hier gerade nicht bestimmten Menschen, sondern „Adam“, also der Menschheit als solcher, zugesprochen wird. Und zwar ganz explizit der weiblichen und der männlichen Menschheit. Zu behaupten, „Adam“ sei ein Mann, macht genau diese Intention wieder zunichte.
  4. In der traditionellen christlichen Lesart werden Genesis 2 und Genesis 3, also die Kapitel über das Leben der Menschheit im Paradies und über das Leben der Menschheit außerhalb des Paradieses, als Strafe für die Ursünde – das Essen der verbotenen Frucht – interpretiert (auch das ist übrigens in der jüdischen Tradition anders). Laut Schüngel-Straumann beschreiben diese beiden Kapitel aber lediglich zwei verschiedene Lebensweisen: Genesis 2 beschreibt, wie ein gutes, gottgewolltes Leben auf der Erde aussieht, sozusagen das Ideal, während Genesis 3 beschreibt, wie das Leben auf der Erde tatsächlich (leider) aussieht.
  5. Die frauenfeindliche Uminterpretation der Schöpfungsgeschichte begann nicht erst mit dem Christentum, sondern schon in den Jahrhunderten zuvor. Aber bevor es den Bach runterging, ging es erstmal „bergauf“: Die ältesten Teile (Genesis 2 und Genesis 3, also die Paradiesgeschichte), entstanden schon um 1000 v. Chr. Der Schöpfungsbericht ganz am Anfang der Bibel hingegen, also Genesis 1 (mit der Aufzählung der sieben Tage), entstand erst so um 500 v. Chr.. Und dieser Text hat die Gleichwertigkeit aller Menschen sogar noch einmal deutlich verstärkt: „Da schuf Gott die Menschen, als göttliches Bild, als Bild Gottes wurden sie geschaffen, männlich und weiblich.“ Basta. Außerdem ist hier der „Geist Gottes“ mit dem weiblichen Wort „Ruach“ bezeichnet.
  6. Der Wunsch, in den jüdischen Schöpfungsbericht eine Geschlechterhierarchie hineinzulesen, hängt laut Schüngel-Straumann unter anderem mit der Ausbreitung des Hellenismus zusammen: Im Griechentum wurde Zivilisation mit Patriarchat gleichgesetzt. Wer als zivilisiert gelten wollte, musste also das Männliche als höherwertig ansehen als das Weibliche. Das frühe Christentum hat sich dem Hellenismus dann noch weiter geöffnet als das Judentum sowieso schon. Außerdem waren vielen Menschen zu dieser Zeit die hebräischen Urtexte gar nicht mehr bekannt, sondern sie lasen die jüdische Schöpfungsgeschichte in der griechischen Übersetzung, in der aber viele hebräische Wortspiele verloren gegangen waren (zum Beispiel Adam/Adamah bzw. Mensch/Erde). Das heißt, die Vorstellung, „Adam“ sei ein Männername, erschien ihnen nicht mehr offensichtlich absurd.
  7. Aber auch das ist letztlich keine Entschuldigung für die Dreistigkeit, mit der christliche Theologen (Schüngel-Straumann hat atemberaubende Beispiele bis weit ins 19. Jahrhundert hinein) die Bibeltexte verdreht haben, um ihr Phantasma von der Höherwertigkeit des Männlichen und ihren Herrschaftsanspruch gegenüber den Frauen (und anderen „Anderen“) dort hineinzuinterpretieren. Schüngel-Straumann sagt, wie es ist: die Männer haben sich selbst an die Stelle Gottes gesetzt, und das ist Gotteslästerung.

Die interessanteste Frage bei all dem ist natürlich: Was tun wir jetzt mit diesem Schlamassel? Aufklärung alleine hilft offensichtlich nicht. Die exegetischen Befunde sind völlig eindeutig, niemand bestreitet das alles heute noch ernsthaft auf einem wissenschaftlichen Niveau. Doch vierzig Jahre feministische Theologie haben auch gezeigt, dass es das eine ist, rationale Argumente in solchen Auslegungsfragen auszutauschen, und etwas anderes, diese Erkenntnisse irgendwie auch im Alltagsleben relevant zu machen.

Das männliche Phantasma der „sündigen Frau“, der „Verführerin“, oder von der Frau als „Gehilfin“ des Mannes, deren Platz „an seiner Seite“ ist, hat sich so tief in die westliche Alltagskultur eingegraben, dass man das mit ein bisschen Bibelauslegung nicht wieder da herausbekommt. Dabei ist es nur das eine, dass in Sonntagsgottesdiensten und Gesangbuchliedern immer noch gedankenloses falsches Blabla ausgebreitet wird. Die mangelnde Übersetzung feministischer Erkenntnisse in die kirchliche Alltagspraxis ist zwar beklagenswert, allerdings hat ja das, was in Sonntagsgottesdiensten gepredigt wird, heute ohnehin keine große gesellschaftliche Relevanz mehr.

Viel schlimmer ist, dass diese Stereotypen auch in der säkularen Kultur einfach weiter verbreitet werden, sei es in Hollywoodfilmen, in Romanen, in der Werbung. Westliche Geschlechterklischees sind ohne Adam und Eva nicht zu verstehen. Aber niemand interessiert sich heute mehr für Adam und Eva, also für Bibeltexte. Der übergroße Schaden, der durch die christliche Verdrehung der jüdischen Schöpfungsmythen angerichtet wurde, ist heute kein theologisches Problem mehr, sondern ein gesellschaftliches und kulturelles. Und das in einer Kultur, die sich für Religion und Bibelauslegung kein bisschen mehr interessiert.

Und die sich deshalb auch nicht dafür interessiert, wenn man ihr sagt, es sei gotteslästerlich und unbiblisch, diesen Mythos weiter zu pflegen, diesen Zusammenhang von Geschlecht und Sünde weiter zu pflegen, dieses hierarchische Verständnis der Geschlechterdifferenz aufrecht zu erhalten. Denn sie glaubt ja nicht an Gott und hält die Bibel für unwichtig. Aber gerade weil sie sich selbst für unchristlich, für nicht religiös hält, hat sie die besten Voraussetzungen, um die schlechten Seiten des Christentums bis in alle Ewigkeit zu wiederholen. Denn sie hält das, was das Christentum konstruiert hat, nicht für christlich, sondern für „normal“.

Helen Schüngel-Straumann: Feministische Theologie und Gender. Reihe: Internationale Forschungen in Feministischer Theologie und Religion, Band 4, 240 Seiten, 29,90 Euro.

(PS: Das Buch ist ziemlich redundant, weil dieselben Thesen in vielen Texten immer wieder wiederholt werden, das macht es etwas mühsam zu lesen. Hier wäre ein bisschen editorische Arbeit schon gut gewesen).

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