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Warum es falsch ist, in der Kirche nur Christ_innen einzustellen

Aus gegebenem Anlass (eine Diskussion über eine Stellenausschreibung drüben auf meiner Facebook-Pinnwand) möchte ich hier etwas über die Frage schreiben, ob es richtig ist, dass kirchliche Einrichtungen bei der Einstellung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern verlangen, dass diese Kirchenmitglied sind. Das ist nämlich so, wobei die katholische Kirche in der Regel sogar die Mitgliedschaft in der katholischen Kirche vorschreibt, während die evangelische nur die in irgendeiner Kirche verlangt (die Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen ist – dies, um dubiose Gemeinschaften auszuschließen).

Die Einwände von säkularer bzw. atheistischer Seite lauten meistens, diese Praxis sei diskriminierend, und es sei falsch, dass private Vereine wie die Kirchen ihr eigenes „Recht“ ausbilden und sich über Gesetze hinwegsetzen, etwa die Gleichberechtigung von Frauen oder das Diskriminierungsverbot gegenüber Geschiedenen.

Dieser Einwand überzeugt mich nicht, im Gegenteil, ich finde ihn ganz schön staatshörig. Auch wenn mir in bestimmten Belangen ebenfalls die gegenwärtige Meinung des Staates besser gefällt als die der katholischen Kirche, zum Beispiel in Bezug auf Homosexualität. Aber ich halte es für ein bisschen blauäugig, daraus eine allgemeine Regel zu machen. Denken wir nur mal kurz an die  Personalpolitik der Nazis. Es geht bei dem Thema nicht um links versus rechts oder um gut versus schlecht oder um konservativ versus fortschrittlich, sondern um zentralistisch versus dezentral.

Ich bin jedenfalls ein großer Fan des so genannten „Subsidiaritätsprinzips“, das besagt, dass bestimmte staatlich mitfinanzierte Leistungen (Krankenhäuser, Kitas, Pflegeheime, Beratungsstellen usw.) von einer breiten Palette weltanschaulich verschiedener Träger umgesetzt werden. Oft wird so getan, als gehe es hier um ein spezielles Privileg der Kirchen, aber diese Privilegien gelten für alle Körperschaften des öffentlichen Rechts bzw. die Träger der „Freien Wohlfahrtspflege“, wozu neben Diakonie und Caritas auch der jüdische Wohlfahrtsverband, die Arbeiterwohlfahrt und so weiter gehören.

Diese  Praxis, dass nicht (nur) der Staat selbst, sondern eben solche Verbände sozialstaatliche Aufgaben wahrnehmen (und entsprechend über Beiträge und Zuschüsse finanziert werden), finde ich vom Prinzip her sehr viel besser und auch weniger anfällig für diktatorische Entwicklungen als eine staatlich verordnete Einheitssoße.

Auch wenn das natürlich mehr Konflikte mit sich bringt, weil Kriterien und Qualitätsmaßstäbe gemeinsam entwickelt werden müssen. Und es ist sehr wichtig, dass es transparente und gerechte Regeln darüber gibt, welche weltanschaulichen Gruppierungen entsprechend staatlich „beauftragt“ werden können, um Kindergärten, Krankenhäuser, Altenheime und so weiter zu betreiben. Bestimmt kann man daran noch Dinge verändern, und das sollte auch immer in der Diskussion sein. Aber dass es diesen Pluralismus prinzipiell gibt, das tut meiner Ansicht nach der Gesellschaft gut.

Nachvollziehbarer finde ich es, wenn sich die Kritik auf die Größe der kirchlichen Sozialkonzerne beruft. Tatsächlich finde ich auch, dass man sich ab einer bestimmten Marktmacht und damit verbunden ab einer bestimmten Höhe der öffentlichen Finanzierung nicht mehr so einfach allein auf weltanschauliche Eigenarten berufen kann. Aber dieses Problem sollte meiner Ansicht nach anders gelöst werden als damit, die weltanschauliche Pluralität in der Wohlfahrtspflege aufzugeben und alles direkt vom Staat machen zu lassen (beziehungsweise unter kompletter staatlicher Überwachung).

Mit gutem Grund gehört zu dieser Pluralität auch die Möglichkeit der jeweiligen Träger sozialer Einrichtungen, ihr Personal nach weltanschaulichen Aspekten auszuwählen. Sonst wäre das ja ziemlich sinnlos. Argumente, dass einzelne Träger nichts anderes machen dürfen als der Staat es vorsieht, überzeugen mich nicht, sofern sich eben keine Monopole ausbilden und es immer mehr als einen Anbieter gibt (was heute durch die Tendenz zur Konzernbildung, die wiederum durch den Zwang zu betriebswirtschaftlicher Profitabilität vorangetrieben wird, tatsächlich nicht immer gegeben ist).

Trotzdem finde ich es falsch, dass kirchliche Sozialträger ausschließlich christliches Personal einstellen. Aber eben nicht aus den normalerweise vorgebrachten Gründen, sondern aus speziell theologischen Gründen.

Denn, erstens: Wenn wir mit dem diakonischen Auftrag argumentieren, also damit, dass es unsere Pflicht als Kirche sei, uns um Arme, Kranke etc. zu kümmern, dann gehört dazu meiner Meinung nach auch die Verpflichtung, uns bestmöglich um sie zu kümmern. Und das wiederum bedeutet, dass wir das beste verfügbare Personal einstellen. In Zeiten, als 95 Prozent der deutschen Bevölkerung christlich waren, bedeutete die Klausel zur erforderlichen ACK-Mitgliedschaft lediglich, dass die sehr wenigen dezidiert anti-christlichen Bewerber_innen ausgeschlossen wurden. Wenn aber heute zum Beispiel in Frankfurt nur noch 40 Prozent der Bevölkerung christlich sind, dann schließen wir mit der ACK-Klausel den größten Teil des Fachkräftepotenzials aus, und das eben zum Schaden der Menschen, um die wir uns doch angeblich kümmern wollen: Wir stellen nämlich die drittbeste Ärztin ein, wenn die beste und zweitbeste nicht in der Kirche sind. Das lässt sich nicht rechtfertigen – nicht, weil es diskriminierend wäre. Sondern weil es unchristlich ist, undiakonisch im Blick auf die Patientinnen und Patienten.

Zweitens: Die weltanschauliche „Marke“ des Christentums – nämlich das Verkünden der „guten Nachricht“ (was das heute bedeutet, hat Nadia Bolz Weber in ihrem Vortrag kürzlich auf dem Kirchentag gut erklärt) – macht sich nicht an formalen Bestimmungen wie einer Kirchenmitgliedschaft fest. Zum Beispiel bei so einem Punkt wie, dass wir Menschen nicht nach Leistung und Nützlichkeit beurteilen sollen, oder dass wir uns stets dessen bewusst sein sollten, dass wir uns nicht aus eigener Kraft erlösen können, sondern dafür auf Hilfe angewiesen sind (der UVL ;I)), solche Dinge: Ob das jemand glaubt oder entsprechend lebt, das lässt sich nicht daran ablesen, ob er oder sie Kirchenmitglied ist oder nicht.

Wenn es uns tatsächlich wichtig ist, christliche Haltungen in die diakonische Arbeit einzubringen, dann müssten wir uns die Mühe machen, das für jeden Arbeitsbereich eigens zu beschreiben und zu definieren, zum Beispiel in Form von konkreten Leitlinien. Die dann meinetwegen Mitarbeiter_innen unterschreiben müssten.

Solche „christlichen“ Grundwerte (die dann aber nicht in christlichem Jargon, sondern in allgemeinverständlichem Vokabular formuliert wären und entsprechend auch von nicht christlichen Mitarbeiter_innen geteilt und unterschrieben werden könnten) stünden dann meiner Meinung nach tatsächlich über der beruflichen Qualifikation. Also: Eine Erzieherin, die Kinder nicht unabhängig von ihrem Elternhaus als gleichermaßen wertvolle, von Gott geliebte Wesen ansieht, sondern die einen vor den anderen bevorzugt, könnte noch so super Abschlüsse haben, sie wäre für die Arbeit in einer christlichen Kita nicht geeignet. Nur: Das lässt sich nicht daran ablesen, ob sie Mitglied in der Kirche ist oder nicht.

So wie es jetzt praktiziert wird, entsteht nicht ohne Grund der Eindruck, die ACK-Klausel diene nicht der christlichen Sache, sondern der arbeitsrechtlichen Bevorzugung der eigenen Vereinsmitglieder. Deshalb bin ich sehr dafür, diese Klausel aufzugeben, mindestens für diakonische Tätigkeitsfelder, aber vielleicht auch ganz generell.

Ich bin davon überzeugt, dass das in naher bis mittlerer Zukunft ohnehin passieren wird. Einfach weil der gesellschaftliche Druck entsprechend größer wird. Aber darauf müssen wir gar nicht warten. Mit guten theologischen Gründen könnten wir dem jetzt schon zuvorkommen.