Archiv für den Monat November 2015

Das Wasser, in dem wir schwimmen, ohne es zu sehen

Ich empfehle euch, diese interessante Podiumsdiskussion anzuschauen über Staat und Religionen.

 

Ich hätte mir gewünscht, dass die Diskussion noch mehr auf die Einstiegsthese von Yasemin Shooman und Hannah Tzuberi eingegangen wäre: Dass nämlich die gesamte Religionsdebatte in Deutschland – gerade auch wie sie von atheistischer oder säkularer Seite geführt wird – sich sehr stark aus einem protestantischen Verständnis von Religion speist: Nur wenn man Religion als etwas versteht, das vor allem mit persönlichem Glauben und innerer Überzeugung zu tun hat, kann man auf die Idee kommen, Religion wäre etwas Privates, das sich nicht in äußerlichen Manifestationen zeigen muss. Für muslimische und jüdische Religion zum Beispiel ist aber auch die „Orthopraxie“ wichtig, also das Ausführen von Ritualen oder eine bestimmte Art, sich zu kleiden.

(Kleiner Einschub: Ich bin als offen lebende Protestantin ein großer Fan davon, keine Orthopraxie zu haben – also keine festen Regeln, Rituale, Vorschriften  – aber ich halte das tatsächlich für etwas typisch Protestantisches und nichts Normales, Neutrales oder Selbstverständliches. In dem Zusammenhang finde ich es übrigens interessant, dass es im Bereich der Essensvorschriften derzeit auch im säkularen Milieu wieder eine Zunahme des Phänomens der Orthopraxie gibt, nur sind die Gründe, warum man etwa dieses oder jenes nicht isst, jetzt eben nicht mehr religiöse. Whatever: Worum es hier geht ist das Sensorium dafür, die eigenen kulturellen Gewohnheiten als Ausdruck einer bestimmten Weltanschauung zu verstehen und nicht einfach für „normal“ zu halten).

Yasemin Shooman nennt diesen blinden Fleck in der Wahrnehmung „Schwimmen im Wasser, das man aber nicht sieht.“ In Wahrheit sind eben viele Gesetze und Regeln, die formal „neutral“ sind und „für alle gelten“, alles andere als neutral und normal: Es fällt zum Beispiel nicht allen religiösen Menschen gleichermaßen leicht, auf bestimmte Kleidungsstücke zu verzichten, die vom Mainstream als „religiös“ gelabelt werden.

Im September hatte ich einen Talk bei der Open Mind-Konferenz, wo ich über religiöse Zugehörigkeit gesprochen habe. Dort sage ich ebenfalls an einer Stelle, dass vieles von dem, was heute sich als säkular und atheistisch versteht, eigentlich auf der Folie eines protestantischen Religionsverständnisses abspielt. Aber – wie ich es auch in dem Post über Adam und Eva schrieb: Gerade wenn man sich gar nicht mehr darüber bewusst ist, wie viel von dem, was man selbstverständlich und normal findet, in Wirklichkeit aus einer bestimmten religiösen Tradition kommt, weil man diese Tradition überhaupt nicht mehr kennt, hat man sich jegliche Möglichkeit abgeschnitten, diese Tradition zu kritisieren und zu verändern.

Bedenkenswert finde ich auch den Einwand von Hannah Tzuberi im Verlauf der Diskussion, wo sie kritisiert, dass in den öffentlichen und medialen Inszenierungen von interreligiösem Dialog in Deutschland oft der Subtext ist, dass man doch diejenigen jüdischen und muslimischen Stimmen hervorholt, die am besten in den „protestantisch-liberal-säkularen“ Bezugsrahmen passen. Natürlich ist das eigentlich ein Sich im Kreis Drehen, weil man eben genau nicht zu den interessanten Fragen vordringt, an denen die eigentlichen Differenzen möglicherweise liegen.

Ich glaube, dass sich solche Diskussionen am besten unter dezidiert religiösen Frauen führen lassen. Ich würde gerne schreiben, unter „feministischen Frauen“, aber das Label ist hier nicht hilfreich, weil der Feminismus häufig als generell anti-religiös verstanden wird (nicht ganz ohne Grund). Das Kriterium kann aber nicht sein, ob eine Muslimin oder Jüdin dem möglichst nahe kommt, was eine deutsche Mehrheitsgesellschaft sich unter feministisch vorstellt. Sondern es geht darum, Frauen zusammenzubringen, die sich selbst als religiös verstehen, und zwar in einem durchaus „orthodoxen“ Sinn, und gleichzeitig aus einer Perspektive weiblicher Freiheit heraus handeln und sprechen, ohne dabei inhaltlich vorab festzulegen, wie weibliche Freiheit auszusehen hat.