Archiv für den Monat Dezember 2014

Kein Stall. Jesus war nicht arm.

Jesus war nicht „arm“. Und wir sollten aufhören, ihn so darzustellen.

Diese Erkenntnis kam mir, als die Pfarrerin in der Christmette gestern Abend die Weihnachtsgeschichte vorlas, in der altbekannten Lutherversion, und dann hing dieser Satz plötzlich in meinem Ohr:

„Und sie wickelte das Kind und legte es in eine Krippe, denn es war sonst kein Raum in der Herberge.“

Es war sonst kein Raum in der Herberge. In der Herberge. Maria war also offensichtlich in einer Herberge, als sie ihr Kind gebar. Nicht in einem Stall. Nur war es eben keine sehr geräumige Herberge, denn es gab sozusagen kein Kinderbett. Deshalb wurde das Baby in eine Krippe gelegt. Dazu muss man wissen, dass ein Futtertrog für Tiere damals zur normalen Ausstattung palästinensischer Häuser gehörte, und offenbar auch zu der von Herbergen.

Jesus war nicht arm, seine Eltern auch nicht. Die rührselige Geschichte, wonach sie sich kein Hotelzimmer leisten konnten und von bösen Herbergswirten abgewiesen wurden, sodass sie dann quasi auf der Straße übernachten mussten, ist schlicht erfunden. An keiner Stelle der Bibel ist davon die Rede, dass Jesus oder seine Familie arm oder sonstwie sozial Ausgeschlossene gewesen wären. Sie waren vielmehr ganz „normale“ Leute, nicht arm, freilich auch nicht reich, sondern Mittelmaß.

Die Krippe ist in der Weihnachtsgeschichte nicht ein Symbol für eine angebliche Armut, sondern ein Zeichen, an dem die drei Weisen aus dem Morgenland erkennen, um welches Baby in Bethlehem es geht – nämlich um dasjenige, das in einer Krippe liegt.

Es ist verständlich, dass die Volksfrömmigkeit in Europa, die die Architektur palästinensischer Häuser nicht kannte, das Wort „Krippe“ mit „Stall“ assoziiert hat und die Geschichte entsprechend phantasievoll ausschmückte. Und für sich genommen ist das auch unproblematisch. Was aber in der Tat ein Problem ist, ist die überbordende „Armutsphantasie“ in Bezug auf Jesus, die daraus folgte. Und zwar aus zwei Gründen.

Der erste Grund ist, dass das die eigentliche Weihnachtsbotschaft verschleiert. Die lautet: „Gott ist ein Mensch. Dieses Kind hier, das Maria gerade geboren hat, ist der Erlöser der Menschheit“. Das ist schon für sich genommen eine sehr krasse Behauptung. Sie wird nicht stärker oder eindrücklicher dadurch, dass dieses Kind als besonders arm, klein, schwach oder randständig vorgestellt wird, ganz im Gegenteil. Der Witz ist doch, dass Gott ein ganz normaler Mensch ist.

Durch die Betonung einer angeblichen Armut Jesu bekommt diese Geschichte hingegen etwas Surreales. Es rückt die Symbolik in den Vordergrund, und die schlichte Behauptung als solche – dieses Baby ist Gott – verblasst. Stattdessen drängt sich nun die Idee auf, dass Gott sich quasi „herablässt“ auf die Erde und als Baby ausgibt. Dieser Effekt der „Selbsterniedrigung Gottes“ wird durch eine angebliche Armut und Schwächlichkeit des Babies natürlich noch gesteigert. Im Zuge der Armutserzählung ist die Christenheit meiner Ansicht nach von ihrem eigenen Glaubensbekenntnis „Wahrer Mensch, wahrer Gott“ wieder abgerückt, denn sie dient – in genauer Verkehrung der eigentlichen Botschaft – faktisch dazu, Gott nach wie vor groß und allmächtig aussehen zu lassen. Seine übermäßige Größe wird in der übermäßigen Kleinheit seiner menschlichen Version gewissermaßen gespiegelt.

So wird es leider auch landauf landab in vielen Kirchen heute gepredigt: Die wirkliche Größe Gottes zeigt sich darin, dass er klein wird. Ich würde die Geschichte aber anders zusammenfassen: Der Witz an Gott ist, dass sie völlig normal und mittelmäßig ist, so wie du und ich. (Anmerkung: Anfangs war im Christentum die Vorstellung verbreitet, dass Menschen durch die Taufe dieselben göttlichen Qualitäten bekommen wie Jesus, was später durch die Idee der unhintergehbaren Sündhaftigkeit der Menschen verdrängt wurde).

Der zweite Grund, warum mir die Armutserzählung über Jesus nicht gefällt, ist der, dass dadurch Armut im Christentum lange verklärt wurde. Bekanntlich sollen wir Menschen Jesus ja nachfolgen, ihn als Vorbild sehen. Wir sollen von ihm lernen, wie das Reich Gottes auf der Erde verwirklicht werden kann.

Die Kitscherzählung vom „armen Jesulein“ hat entsprechend zur Folge gehabt, dass Armut zu einem erstrebenswerten Ideal wurde. So als wäre irgendetwas Positives daran, arm zu sein. Sich gegen (die eigene) Armut zu wehren, geriet deshalb unter Verdacht. Schließlich sei Jesus doch auch arm gewesen, also bitte nicht beschweren! Trag dein Kreuz! wurde armen Menschen gepredigt, zynischerweise.

Freilich, reich sein soll man auch nicht. Denn wer reich ist, kommt bekanntlich so wenig in das Himmelreich wie ein Kamel durch ein Nadelöhr. Aber an Armut ist eben auch rein gar nichts Positives. Armut ist nicht erstrebenswert.

Jesus nachzufolgen bedeutet nicht, arm zu sein, sondern: Kranke heilen, Brot verteilen, Witwen trösten und dergleichen. Ist ja auch eigentlich ganz naheliegend.

 

 

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