Archiv für den Monat Oktober 2014

Warum es die Bibel verfälscht, JHWH stur mit „Herr“ zu übersetzen

Darüber, dass ich es falsch und irreführend finde (milde gesagt), von Gott ständig als „Herrn“ zu reden, und warum es wichtig ist, Gott (auch) weiblich zu denken, schreibe ich ja öfter. Heute erfuhr ich bei Facebook von einem tollen Artikel, den Othmar Keel schon 2007 zu dem Thema geschrieben hat.

Die Praxis, Jahwe konsequent durch «Herr» zu ersetzen, führte zu einer Art Persönlichkeitsveränderung. Eigennamen sind offene Bezeichnungen. «Tanja» oder «Johannes» verraten vorerst nicht viel mehr als das Geschlecht der Trägerin bzw. des Trägers. Französische Namen wie Claude oder Dominique nicht einmal das.

Wenn 6800-mal – so oft kommt «Jahwe» im sogenannten Alten Testament vor – statt von «Johannes» von «der Herr Direktor» die Rede ist, bedeutet das eine ungeheure Verengung. … Die Ersetzung von Jahwe durch «der Herr» hat die offene Persönlichkeit Jahwes auf eine bestimmte enge, männliche Rolle eingeschränkt und seine schillernde, reiche Persönlichkeit verarmen lassen. Der Aspektreichtum des Geheimnisses, das Undefinierbare («Ich bin, der ich bin»), das der Eigenname Jahwe evozierte, ging dabei weitgehend verloren.

Der ganze Text ist lesenswert!

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Es ist besser, gar nicht über Gott zu sprechen als falsch

Es ist besser, gar nicht über Gott zu sprechen als falsch.

Dieser Gedanke geht mir schon seit einiger Zeit im Kopf herum. Denn ich finde, gerade wir Gläubigen spielen oft die Gefahren herunter, die es bedeutet, wenn das zweite Gebot missachtet wird:

Du sollst den Namen Gottes nicht missbrauchen.

Leider wird der Name Gottes unerträglich oft missbraucht. Als Kind habe ich dieses Gebot auch völlig falsch erläutert bekommen. Es würde bedeuten, so wurde mir gesagt, dass ich das Wort „Gott“ nicht achtlos aussprechen soll, zum Beispiel in so Redewendungen wie „Herrgottnochmal“ oder „Oh mein Gott“.

Aber daran ist ja überhaupt nichts Schlimmes. Das Wort Gott wird missbraucht, wenn Menschen sich auf Gott berufen, um etwas Falsches zu rechtfertigen. Das ist eine der schlimmsten Sünden überhaupt, und sie wird gerade dann begangen, wenn das Wort „Gott“ nicht achtlos und nebenbei ausgesprochen wird, sondern im Gegenteil ganz bewusst und mit Emphase.

Der „Islamische Staat“, der uns gerade mit auf die Spitze getriebener Brutalität vor Augen führt, wohin das führen kann, ist sicher ein absurdes Extrem. Aber ich finde, das ist nicht so völlig jenseits von dem, wie viele – gerade gläubige – Menschen mit dem Begriff „Gott“ umgehen. Man könnte auch die so genannten bibeltreuen Christen nehmen oder sonstige Religionsfanatiker überall, und natürlich sind sie mit dem IS im Ausmaß der Bösartigkeit nicht vergleichbar, aber doch in der Struktur des Arguments.

Und die Struktur des Arguments („Gott“ will das so) ist auch dieselbe, wenn die katholische Kirche die Diskriminierung von Frauen oder von Schwulen und Lesben begründet, und letzten Endes auch dann, wenn wir eher „gute“ Dinge mit dem Verweis auf Gott begründen, wie etwa die Sonntagsruhe oder sonst etwas vergleichbar Harmloses.

Natürlich ist in meinem eingangs erwähnten Satz das Wort „falsch“ problematisch. Wie kann ich wissen, dass jemand (oder ich selbst) „falsch“ von Gott spreche? Aber das macht das Problem höchstens komplizierter, es schafft es nicht aus der Welt. Ich meine: Im Zweifel muss ich dann eben auf dieses Wort verzichten.

Jedenfalls stößt mir ein Argument, das gegen „fanatische“ Religiöse oft vorgebracht wird, zunehmend bitter auf, und zwar der Hinweis, „diese Leute“ seien ja nur eine extreme Minderheit und stünden nicht für alle Gläubigen. #notallmen ist ein Schlagwort, unter dem Maskulisten gerne darauf hinweisen, dass Kritik an männlichem Verhalten fehl am Platz sei, weil ja nicht alle Männer Frauen vergewaltigen und so weiter. Entsprechend ist #notallbelievers ein Verweis darauf, dass ja nicht alle Gläubigen Frauen für minderwertig halten oder Andersgläubige massakrieren.

Ja, natürlich nicht, aber spricht das uns „gute Gläubige“ denn von der Verantwortung frei? Sicher nicht.

„Gott“ ist ein mächtiges Konzept, wer Gott auf seiner (oder ihrer) Seite glaubt, fühlt sich stärker als ohne diesen (imaginierten) höheren Beistand – und ist es auch. Das mit dem „Gottvertrauen“ funktioniert nämlich, es ist kein Hokuspokus. Wer Gottvertrauen hat, kann mehr erreichen, und zwar auch dann, wenn es ein irregeleitetes Gottvertrauen ist. Das Konzept „Gott“ ist eine große Versuchung, denn es vermittelt die Sicherheit eines vermeintlichen Rechthabens, das sich nicht nach irdischen Maßstäben (etwa politischer Verhandlungen) rechtfertigen und bewähren muss.

Und dieses Konzept ist sehr wichtig, mir persönlich ist es wichtig, weil ich davon überzeugt bin, dass es Dinge gibt, die über „der menschlichen Vernunft“ stehen. Weil ich selber Gottvertrauen habe und weiß, wie gut es funktioniert. Wie es mich unabhängig von der Anerkennung der Menschen macht, wie es mich stärkt, auch gegen den Mainstream zu schwimmen.

Aber es ist sehr tricky und sehr heikel, und solange es dermaßen offensichtlich ist, dass das Wort „Gott“ ganz schrecklich missbraucht wird, müssen sich meiner Meinung nach alle rechtfertigen, die dieses Wort dennoch benutzen. Wir können uns nicht auf #notallbelievers herausreden.

Simone Weil hat in ihren Notizbüchern geschrieben:

Die Religion als Quelle des Trostes ist ein Hindernis für den wahren Glauben, und in diesem Sinn ist der Atheismus eine Reinigung. Ich muss mit dem Teil meiner selbst Atheist sein, der nicht für Gott gemacht ist. Von den Menschen, bei denen der übernatürliche Teil ihrer selbst noch nicht erwacht ist, haben die Atheisten recht und die Gläubigen unrecht.

Dieser Satz ist es wert, regelmäßig meditiert zu werden, denn er ist von einer tiefen und klaren Wahrheit. Denn das Böse, das sich nicht auf Gott beruft, ist schwächer, als das Böse, das sich auf Gott beruft. Nicht, wer Atheist_in ist, muss sich vor Gott rechtfertigen, sondern wer von Gott spricht. Denn, wie der zweite Teil des zweiten Gebots besagt:

Gott lässt den nicht ungestraft, der seinen_ihren Namen missbraucht.