Archiv für den Monat Mai 2014

Die Einheit des Christentums…

…wird nicht durch Einigkeit entstehen.

Das habe ich mir heute gedacht. Mit einer Freundin sprach ich darüber, warum Kirchenleute oft so zögerlich sind bei der Kritik an anderen Konfessionen. Und ich glaube, das liegt (abgesehen von strategischer Diplomatie und Konfliktscheuheit, was eh inakzeptable Gründe sind) vor allem an einem falschen Verständnis von „christlicher Einheit“.

Die Logik ist etwa: Wenn wir eine Christenheit sein wollen, müssen wir dann nicht mit einer Stimme sprechen? Müssen wir nicht die Gemeinsamkeiten betonen und nicht die Unterschiede? Und: Sind die internen Angelegenheiten anderer Kirchen und Konfessionen nicht deren interne Angelegenheiten, die uns nichts angehen?

Oder auch: Müssen wir Christen nicht mit einer Stimme sprechen, damit die säkulare Welt uns überhaupt noch hört? Was sollen denn die Ungläubigen von uns halten, wenn wir uns auch noch dauernd untereinander streiten? Wie soll man denn denen klar machen, was genau das Christentum ist und glaubt?

Alles ganz falsch gedacht.

Es gibt keine einheitliche Meinung im Christentum, und es gab sie vom ersten Tag an nicht. Damals wie heute streiten wir uns so gut wie über alles. Es gibt unter dem Label „Christentum“ praktisch jede beliebige politische und sozialkulturelle Ansicht und Praxis.

Wenn wir uns auf einen gemeinsamen Nenner einigen, dann kommt dabei floskelhaftes Wischiwaschi raus, das niemanden interessiert. Natürlich können wir uns auf Formeln wie das Glaubensbekenntnis einigen oder darauf, dass wir an Christus glauben oder an die Auferstehung, dass wir Nächstenliebe praktizieren und die Bibel lesen. Aber diese Bekenntnisse sind eher symbolisch als substanziell. Denn sobald das konkret wird, sobald daraus also irgendwelche Schlussfolgerungen gezogen werden, die im Alltag Relevanz haben, ist es mit der Einigkeit schon wieder vorbei.

Ein gemeinsames Glaubensbekenntnis zu haben oder gemeinsam das Vaterunser zu beten, bedeutet nicht, dass wir alle dasselbe glauben. Es bedeutet, dass wir uns unter ein gemeinsames Dach stellen. Solche überlieferten Texte zu sprechen, ist ein symbolischer Akt (und als solcher wichtig), aber nicht ein gemeinsames inhaltliches Programm.

Alle Versuche, eine inhaltliche Einheit künstlich durch Dogmen herzustellen, durch die Exkommunikation oder Ermordung von Ketzern und Ketzerinnen oder durch abgezirkelte Kanonisierungen, sind gescheitert und werden immer scheitern. Sie bringen mehr Schaden als Gutes und haben das Christentum immer nur diskreditiert, aber nicht gestärkt.

Die Einheit des Christentums ist nichts, was wir herstellen müssten. Sie ist nämlich einfach da, insofern das Christentum (wie alle Religionen vermutlich), eine von Anfang an pluralistische Religon ist. Alles, was sich so nennt, ist das Christentum, ob uns das passt oder nicht. Man darf der Versuchung nicht nachgeben, festlegen zu wollen, was rechtmäßig dazu gehört und was nicht.

Was man allerdings darf, ist debattieren, argumentieren, streiten. Vielleicht überzeugt man ja jemanden. Oder wird überzeugt. Ich fände es wichtig, wenn Christinnen und Christen sich mehr gegenseitig kritisieren, wenn sie mehr miteinander streiten, wenn sie öffentlich aussprechen würden, was sie in den Regelungen und Strukturen der anderen falsch finden und warum.

Wenn sie mehr Mut hätten, ihre vermeintlichen Gewissheiten gegenseitig zu hinterfragen (natürlich gerne auch die eigenen), wenn sie weniger alte Formen nachbeten würden als vielmehr formulieren, und zwar am besten noch in verständlicher Sprache und mit vernünftigen Argumenten, was sie selber heute tatsächlich und wahrhaftig glauben – und was nicht. So könnten sie vielleicht voneinander lernen und sich weiterentwickeln.

Let’s agree to disagree!

Die Einheit des Christentums zeigt sich nicht in Glaubensbekenntnissen und Kanonischen Schriften, sondern ganz einfach darin, was diejenigen, die sich christlich nennen, im Alltag tun. Sind sie anders als andere? Lieben sie zum Beispiel ihre Nächsten oder gar ihre Feinde? Töten sie nicht? Halten sie die andere Wange hin? Teilen sie mit denen, die weniger haben? Schützen sie Flüchtlinge und nehmen sie bei sich auf? Gehorchen sie eher Gott als dem Mammon? Undsoweiter Undsoweiter. Wenn ja, dann ist das schon genug. Wenn nein, dann nützen auch Lippenbekenntnisse nichts.

Das Christentum ist die Summe dessen, was Menschen und Gemeinschaften, die sich so labeln, tun (auch hier vermute ich, dass das für alle Religionen gilt).

In diesem Sinne ist die Kirche eine Einheit von Anfang an. Jede ihrer Untergruppierungen trägt in gewisser Weise auch für das Verantwortung, was andere im Namen der gemeinsamen Religion tun und predigen – gerade deshalb ist ja das Streiten auch ganz unabdingbar. Wenn andere im Namen des Christentums Falsches tun und predigen, dann bin ich dafür mit verantwortlich, solange ich mich ebenfalls unter dieses Dach stelle. Man darf die Irrtümer der Glaubensgeschwister nicht unkommentiert durchgehen lassen, finde ich (was aber natürlich voraussetzt, dass man sich auch selbst der Kritik stellt).

Die Einheit der Kirche entsteht nicht dadurch, dass wir uns einigen, sondern dadurch, dass wir einander ernst nehmen. Und ernst nehmen bedeutet eben auch: Widersprechen, streiten. Die Schiedsrichterin bei diesem Streit ist jedenfalls keine kirchliche Institution, kein einzelner Mensch, keine Gruppe von Menschen, sondern ganz allein Gott.

Keine der vielen christlichen Untergruppierungen kann beanspruchen, im Namen der ganzen Christenheit zu sprechen (oder sie kann es natürlich beanspruchen. Aber es stimmt halt einfach nicht). Und gleichzeitig ist jede einzelne Christin und jeder einzelne Christ mit dem, was sie sagt und tut, dafür verantwortlich, was „das Christentum“ ist.

Die Schlangenbrut ist jetzt INTA geworden

BildGerade habe ich die erste Ausgabe von „INTA“ gelesen, der neuen interreligiösen Frauenzeitschrift, die die Nachfolge der Schlangenbrut angetreten hat. Nachdem schon die – seit dreißig Jahren bestehende – Schlangenbrut immer eine überkonfessionelle Perspektive eingenommen hatte und auch regelmäßig Artikel aus nicht-christlichen Kontexten enthielt, ist jetzt auch der Schritt hin zu einer inter-religiösen Perspektive getan. Find ich gut, und bin gespannt, wie sich das entwickelt.