Archiv für den Monat April 2014

Wie das große Latinum

Neulich war ich dabei, wie ein Freund, der Kirche und Religion nicht nahesteht, aber weiß, dass ich es tue, eine Radiosendung zur aktuellen EKD-Mitgliederstudie gehört hat. Darin wurde ein Kirchenmann interviewt, der betonte, die Studie habe ergeben, dass religiöses Wissen nur innerhalb von Familien weitergegeben wird, dass sich der Glauben nicht verankert, wenn man ihn nicht von klein auf lernt, und dass deshalb die Kirche jetzt alle ihre Ressourcen in die Förderung von Familien stecken müsste.

Die Reaktion meines Freundes auf dieses Interview war so treffend, dass ich sie euch hier nicht vorenthalten möchte: „Das hört sich so an, als wäre eure Religion so was ähnliches wie das Große Latinum, wer das nicht von klein auf eingebläut bekommt, wird es nie lernen, und außerdem ist es offenbar so langweilig, dass es kein Mensch freiwillig machen würde.“

Tja. Genau so ist es. Diese Art von Kommentaren zur Mitgliedschaftsstudie sind eine wahre Bankrotterklärung.

 

 

Die Kirche und ihre Trolle

Elf evangelikale Männer und eine Frau haben einen Aufruf veröffentlicht, in dem sie (wieder mal) behaupten, ihre Sicht auf Gott und Christentum sei die einzig wahre und alle, die etwas anderes glauben, hingen irgendwelchen Ideologien an.

Angeblich geht es darum, die wahre Lehre des Christentums zu bewahren. In Wirklichkeit geht es aber natürlich darum, die Machtposition der Fundamentalisten innerhalb der evangelischen Kirche auszubauen und durch möglichst viele Unterschriften eine Drohkulisse aufzubauen.

Und es geht darum, bestimmte ideologische Vorstellungen vom Christentum zu zementieren (wie: Außerhalb von Ehepaaren, die aus genau einem Mann und einer Frau bestehen, darf es keinen Sex, keine Liebe, keine Kinder geben; Das Wichtigste an Jesus ist nicht die von ihm vorgelebte Ethik und die Lehre vom Reich Gottes, sondern dass er sich für uns hat ans Kreuz nageln lassen; Außerhalb von Jesus Christus gibt es keine Erlösung, das heißt, alle anderen Religionen sind falsch).

Die Liberalen in der Kirche beschwichtigen gerne, wenn wieder mal so etwas passiert. Sie sagen dann, dass die Sühnetheologie doch längst nicht mehr gelehrt werde, sie behaupten, die Kirche würdige alle Formen von Liebe und sie behaupten, das Christentum wäre am Austausch mit Menschen aus anderen Religionen ernsthaft interessiert. Sie versuchen also, die Fundamentalisten mehr oder weniger zu ignorieren oder so zu tun, als wären die unwichtig.

Aber das ist ein Fehler. Es ist diesen Leuten in den vergangenen Jahren zunehmend gelungen, die evangelische Kirche zu kapern. Man denke nur an die Kampagne gegen den baden-württembergischen Bildungsplan oder daran, wie sie die Arbeit am Familienpapier der EKD blockieren. Das Projekt „Eine Tür“ der Evangelischen Frauen- und Männerarbeit, das eigentlich christliche Positionen zu Beziehungsfragen nach außen kommunizieren wollte, wird seit seinem Start von evangelikalen Trollen überrannt. Und der große fundamentalistische Lärmpegel in den Debatten ist meiner Meinung auch einer der Gründe für die relative Erfolglosigkeit des Projekts www.evangelisch.de.

Die Fundamentalisten zerstören die ernsthaften Debatten über Gott und Religion genauso wie Maskulinisten-Trolle die Debatten über Geschlechter und Feminismus zerstören. Und beiden gemeinsam ist, dass sie in ihren Kreisen gut mobilisieren und sehr strategisch vorgehen, sodass sie viel zahlreicher und maßgeblicher wirken als sie eigentlich sind.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich will ihnen nicht das Christsein absprechen. Christentum ist schon immer eine pluralistische Angelegenheit, es war schon immer falsch, Dogmen aufzustellen und von anderen zu verlangen, Dinge zu glauben, wenn sie sie nunmal nicht glauben. Und das gilt meiner Ansicht nach auch für die, die nunmal an die Sühnetheologie glauben oder an die Gottgewolltheit der binären Geschlechterordnung. Solange sie akzeptieren, dass sie eine Stimme unter sehr vielen christlichen Stimmen sind, können sie diese Stimme meinetwegen auch erheben.

Das Problem ist nicht, dass solche Ansichten vertreten werden, sondern dass sie von den Fundamentalisten eben gerade nicht vertreten werden, weil sie nämlich Andersdenkenden von vornherein die Ernsthaftigkeit absprechen, zum Beispiel, indem sie ihnen Ideologie, Zeitgeistigkeit und so weiter vorwerfen. Ihr Anliegen ist nicht die Auseinandersetzung, sondern sie hoffen auf das Prinzip „Wer am lautesten schreit, hat recht“ – und kommen damit leider eben allzu oft durch.

Wie im Internet so ist auch in der Kirche der Ratschlag „Don’t feed the Trolls“ falsch, denn Trolle geben sich immer gut an den Zeitgeist angepasst, sodass sie auf den ersten Blick harmlos und sogar plausibel aussehen. Natürlich sind alle Christen dagegen, die Botschaft des Evangeliums zu verwässern. Und natürlich sind wir alle dagegen, Männer zu diskriminieren. Es ist daher notwendig, sich öffentlich von solchen Positionen zu distanzieren und den quasi unbeteiligten und wenig im Thema versierten Zuschauer_innen zu erläutern, warum diese Unterstellungen (Nicht-Fundis wären nicht fromm oder Feministinnen wollten Männer unterdrücken) erstens falsch sind und zweitens unverschämt.

Die Strategie, die Trolle gewähren zu lassen und zu hoffen, dass es außerhalb ihrer Filterbubbles niemandem auffällt, geht nicht auf, im Internet genauso wie in der Kirche. Die Konfliktscheuheit der Kirchenleitungen gegenüber den Evangelikalen wird den Zerfall der Kirche als Organisation weiter beschleunigen, weil die „normalen“ Menschen sich kopfschüttelnd abwenden.

Und weil die Engagierten in die innere Emigration gehen, sich aus purer Erschöpfung nicht mehr an den notwendigen Debatten um die Ausrichtung der Kirche beteiligen. So wie es viele getan haben, die sich im Umfeld der „Bibel in gerechter Sprache“ engagiert haben. Die dauernden Unterstellungen, Angriffe und Mobbing haben dazu geführt, dass kaum noch jemand aus diesem Umfeld eine wichtige öffentliche evangelische Stimme ist. Da brauchen wir gar keine Inquisition und Lehrverbote mehr, die Leute verstummen von selber.

Es ist mit der Kirche wie mit einem Blog: Wenn man den Trollen ein Forum bietet, sich auszutoben (etwa weil man ihre Kommentare freischaltet und ernst nimmt, weil das kurzfristig die Anzahl der Kommentare erhöht), vergrault man diejenigen, mit denen man interessante Debatten führen könnte. Genau diese Gefahr besteht meiner Meinung nach zur Zeit für die evangelische Kirche als Organisation.

Nicht, dass Ihr das falsch versteht und meint, ich wäre pessimistisch, das bin ich nicht. Als ich das Thema gestern auf Facebook ansprach, fragte eine: „Wozu brauchen Nicht-Evangelikale eigentlich die Kirche?“, und das ist eine gute Frage. Eine andere kommentierte: „Wenn die Institution Kirche sich (deshalb) überlebt, dann finden sich eben andere Formen und Strukturen für Wahrheitssuchende mit Herz und Verstand – semper reformanda dann quasi ohne jegliche Tellerränder, doppelte Böden und Kirchtürme.“

Genau so ist es nämlich.