Archiv für den Monat März 2014

Die Unverfügbarkeit des Lebens

Ich monitore gerade Texte zum Thema Sterbehilfe, und dabei fällt mir auf, dass von christlicher Seite als Argument gegen eine Freigabe von Sterbehilfe immer wieder die Unverfügbarkeit des Lebens ins Feld geführt wird (zum Beispiel hier). Ich bin auch der Ansicht, dass es gute Gründe dafür gibt, einen allzu lockeren und nur auf das Prinzip Freiwilligkeit abhebenden Umgang mit Sterbehilfe problematisch zu sehen (darüber schrieb ich hier), aber der Verweis auf die Unverfügbarkeit des Lebens ist dafür überhaupt kein gutes Argument, ganz im Gegenteil.

Die christliche (religiöse) Überzeugung, dass das Leben unverfügbar ist und in Gottes Hand liegt, verweist nicht etwa auf eine moralische Norm (im Sinne von: Du sollst nicht über das Leben verfügen), sondern auf eine Tatsache (im Sinne von: Ganz egal, was du tust, du kannst nicht über das Leben verfügen).

Aus der Tatsache des Unverfügbaren, auf die der christliche Glaube eine Antwort ist, eine Forderung zu machen, ist aus verschiedenen Gründen problematisch.

Erstens setzt man sich selbst damit an die Stelle Gottes. Denn da nicht mal die Amish der Ansicht sind, dass Menschen überhaupt über gar nichts verfügen dürfen, muss immer irgendwo eine Grenze gezogen werden zwischen dem, was noch erlaubt ist, und was verboten. Was man medizinisch machen darf und was nicht. Bekanntlich sind die Grenzen volatil. Die Kirchen in der frühen Neuzeit zogen sie woanders als die Kirchen heute, und die Zeugen Jehovas ziehen sie bis heute bei der Bluttransfusion, konservative Christen bei der Abtreibung, progressivere erst bei der Sterbehilfe.

Der schwerwiegendere Einwand ist aber, dass der moralische Appell „Du sollst nicht über das Leben verfügen“ logisch die Unverfügbarkeit selber aushebelt. Es ist nämlich nur nötig, etwas zu verbieten, wenn es prinzipiell möglich ist. Wenn man mir also verbieten will, über das Leben zu verfügen, dann heißt das im Umkehrschluss, dass ich es es durchaus könnte, dass das Leben also in Wahrheit doch verfügbar ist.

Gott als „Leerstelle des Unverfügbaren“ zu ehren bedeutet im Gegenteil, zu verstehen, dass ganz egal was ich tue und was wir erfinden und was medizinisch irgendwann auch noch möglich sein wird – wir letzten Endes trotzdem nicht über das Leben verfügen. Wir bleiben ausgeliefert, wir bleiben verletzlich, sterblich, leidanfällig. Selbst wenn wir das letzte Atom der Welt auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt haben, wird das so sein.

Das heißt nicht, dass ausgehend von der Unverfügbarkeit des Lebens generell keine Argumente in die Sterbehilfe- oder Medizindebatte eingebracht werden können. Zum Beispiel kann man vor allzu viel Euphorie in dem Zusammenhang warnen. Und man kann einfordern, dass neben und zusätzlich zu allem medizinisch Machbaren noch etwas anderes Bedeutung hat und mehr Aufmerksamkeit verdienen würde als es derzeit bekommt. Und so weiter.

Aber der medizinische Fortschritt steht in keinster Weise in Konkurrenz zu Gottvertrauen, beides spielt schlicht auf ganz verschiedenen Ebenen. Und so wenig wie medizinischer Fortschritt ein Gegenbeweis gegen Gott ist, ebenso wenig ist der Verweis auf Gott und auf die Unverfügbarkeit des Lebens ein sinnvoller Einwand gegen medizinischen Fortschritt.

Mission not impossible

Im Zuge der aktuellen Diskussion über die neue Mitgliederstudie der Evangelischen Kirche in Deutschland erstaunt mich, wie selbstverständlich der christliche Glaube gleichgesetzt wird mit der Verbundenheit zur Institution Kirche oder dem Gebrauch speziell christlicher Terminologie.

Das Ergebnis zeigt – wenig überraschend, wie ich finde – dass die Haltung zur christlichen Religion gewissermaßen „extremer“ geworden ist. Es gibt einen Abbau der „mittelmäßig Verbundenen“, und andererseits einen Anstieg sowohl bei denen, die mit Kirche und Christentum überhaupt nichts anfangen können, als auch bei denen, die der Kirche relativ eng verbunden sind (letzteres allerdings auf niedrigem Niveau).

Dabei ist der Grund für diese Gleichgültigkeit nicht, wie man früher glaubte, der Ärger über bestimmte kirchliche Ansichten oder Verhaltensweisen, sondern schlicht die Tatsache, dass die Menschen keinen Bedarf an Religion und Spiritualität verspüren. Für kirchliche Strategien ist das insofern bedeutsam, als sich solche Menschen auch durch „Verbesserungen“ im eigenen Lager nicht gewinnen lassen. Wer kein Auto braucht, kauft auch dann keins, wenn die Autos besser werden.

Die Frage ist nun, wie man als frommer Mensch mit so einem Befund umgeht. Viele interpretieren es so, dass die „Missionierung“ nach außen nicht mehr viel bringt. Die Gleichgültigen sind sozusagen eh verloren, also konzentrieren wir uns auf die, die noch was mit uns anfangen können. An den kleiner werdenden, ihr noch verbliebenen Feldern, so empfiehlt zum Beispiel die FAZ, müsse die Kirche sich jetzt „festkrallen“ (kein Scherz). Verkündigung ins Säkulare hinein bringe nichts, weil die Leute – so ebenfalls ein Befund der Studie –  in der Öffentlichkeit, auf der Arbeit, im Internet sowieso nicht über religiöse Fragen diskutieren, sondern nur innerhalb der Familie oder mit dem Pfarrer. Der Evangelische Pressedienst schlussfolgert, die Kirche solle sich zukünftig „vor allem mit traditionellen religiösen Themen und weniger mit gesellschaftspolitischen Fragen befassen“.

Mit anderen Worten: Ich komme aus dem Facepalmen seit ein paar Tagen nicht mehr heraus. Denn der christliche Missionsbefehlauftrag ist ja relativ eindeutig, er lautet „Geht hin in alle Welt und verkündet die gute Botschaft vom Reich Gottes.“ Das ist so ziemlich das genaue Gegenteil von „Predigen zu den Bekehrten“. Ich meine, wir sind ja kein Konzern, der Seife verkaufen will und seinen Marketingetat dann so einsetzt, dass er möglichst große Umsätze bringt. Wir haben nunmal den ausdrücklichen Auftrag, „alle Welt“ im Blick zu haben, egal ob sich das aus der Perspektive der Organisation oder des Unternehmens nun „lohnt“ oder nicht.

Was aber heißt Mission? Es ist schonmal im Grundsatz falsch, bei der Evaluation von missionarischen „Erfolgen“ den Maßstab „Verbundenheit mit der Institution Kirche“ anzulegen. Genau das geschieht aber, und es geschah auch schon bei der früheren (und jetzt verabschiedeten) Parole „Wachsen gegen den Trend“, der ja dazu führen sollte, mehr Kirchenmitglieder zu rekrutieren. Missionserfolg lässt sich aber meiner Ansicht nach nicht an Kirchenmitgliederzahlen ablesen und auch nicht an der Verbreitung von religiösem Vokabular.

Denn was ist es denn, was wir laut Bibel aller Welt verkündigen sollen? Wie genau lautet die gute Nachricht vom Reich Gottes? Sie lautet zum Beispiel:

*Gott liebt jeden einzelnen Menschen no matter what
*Auch wenn alles aussichtslos erscheint, kannst du auf Gottes Hilfe vertrauen
*Liebe deinen Nächsten wie dich selbst,
*Liebe deine Feinde
*Tue Gutes und rede bitte nicht andauernd darüber (die Sache mit der linken und der rechten Hand)
*Eher kommt ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher in den Himmel
*Sei zuerst selbstkritisch bevor du andere kritisierst (Splitter und Balken)
*Die Witwe mit ihrem Scherflein tut der Allgemeinheit einen größeren Dienst als ein Reicher, der viel spendet.
*Wenn dir einer auf die linke Backe haut, dann halte ihm auch die rechte hin
*Wenn du dich für eine gute Sache engagierst, musst du nicht verzweifeln, wenn du nicht gleich Erfolg hast
*Die ersten werden die letzten sein, d.h. die irdischen Herrschafts- und Machtverhältnisse haben nicht das letzte Wort, daher müssen wir uns ihnen nicht unterwerfen.
*Undsoweiter und so weiter

Mir geht es so, dass ich, wenn ich „in der Welt“ herumlaufe, ganz egal wo, ständig in Situationen gerate, bei denen es um Dinge geht, für die diese Botschaft (für die diese Punkte hier ja nur Beispiele sind) äußerst relevant ist. Das heißt, ich habe ständig Gelegenheit, zu missionieren. Etwa wenn ich Leute reden höre, als sei der Wert von Menschen an ihren ökonomischen Ressourcen zu messen, wenn ich sehe, dass Menschen aufgrund irgendwelcher Verfehlungen ihre Menschlichkeit abgesprochen wird, wenn Diskriminierte und Benachteiligte glauben, sie könnten eh nichts ausrichten und es gäbe auch keinerlei Hoffnung mehr, wenn jemand Böses mit Bösem vergelten will, wenn Leute andere aus purer Selbstgerechtigkeit kritisieren und so weiter. Ich kann gar nicht so viel reden, wie ich missionieren müsste!

Was allerdings zutrifft ist, dass ich dabei nur selten explizit christliches „Branding“ und „Wording“ zum Einsatz bringen kann. Ich kann zum Beispiel nicht das Wort GOTT gebrauchen, weil viele Leute dann  lapidar antworten: Gott gibt es doch gar nicht (und damit sind wir weg vom Thema). Ich kann auch nicht mit dem Argument kommen, dass dies oder jenes in der Bibel stehe, denn dann sagen die Leute: Ist mir doch egal, was in der Bibel steht.

Aber dass ich die gute Botschaft vom Reich Gottes nicht mehr auf dieselbe Weise verkündigen kann, wie sie früher verkündigt wurde, heißt doch nicht, dass ich sie überhaupt nicht mehr verkündigen kann! Ich muss halt andere Wege finden. Es hält mich auch niemand davon ab, manchmel ein christliches Mem fallen zu lassen (habe ich zum Beispiel hier gemacht), aber das kann halt nunmal nicht mehr im Zentrum meiner Verkündigung stehen. Aber wieso sollte es das überhaupt?

Wichtig ist doch, dass die christliche Weltsicht, die Haltung, die dahinter steht, sich verbreitet oder bestärkt wird, zum Beispiel wenn der neoliberale oder machbarkeitsfixierte Gegenwind sie umzublasen droht. Überall, wo es mir gelingt, Zweifel an diesen angeblichen Selbstverständlichkeiten und Alternativlosigkeiten zu streuen, wo ich Leute dazu bringe, die medial propagierten Menschenbilder von Sexyness und Fitness als höchsten Wert zu hinterfragen, habe ich christliche Werte verbreitet. Ob die auf diese Weise „Missionierten“ dann anschließend in die Kirche eintreten oder nicht aus ihr austreten, ist für diesen Erfolg vollkommen schnurzpiepegal.

Es ist auch nicht notwendig, diese Haltung als „speziell christlich“ zu betonen, ja, man muss sie noch nicht mal als „religiös“ markieren. Hat nicht auch Bonhoeffer gesagt, es sei notwendig, „religionslos von Gott zu sprechen“? Wenn Menschen aus humanistischen, muslimischen oder schamanistischen Gründen zu ähnlichen Ansichten und Praktiken kommen wie wir Christinnen – umso besser! Meiner Erfahrung nach gibt es in konkreten Situationen unterm Strich noch genügend Differenzen als dass wir es nötig hätten, welche zu erfinden, wo gar keine sind.

Aber wozu braucht es dann überhaupt noch eine christliche Gemeinde, eine Kirche? Jedenfalls nicht dafür, dass sich Leute mit ähnlichem Lebensstil sonntags zusammenfinden und Bach hören oder dass sie Sprechblasen produzieren, wie die neueste so genannte Sozialinitiative der Kirchen, die ein wahrer Ausbund an Peinlichkeit ist.

Eine Gemeinde ist eigentlich dazu da, dass man sich mit Gleichgesinnten zusammentut, um sich gegenseitig zu stärken, zu reflektieren, sich zu vergewissern, ob man noch im richtigen Dampfer ist. Dass man über die Grundlagen diskutiert, die Bibel auslegt, sich darüber austauscht, was man denn nun eigentlich genau  „verkündigen“ will. Das sind ja alles komplexe Themen, bei denen die richtige christliche Haltung nicht immer unmittelbar klar ist. Und bestimmte fundamentaloppositionelle kirchliche Positionierungen wie etwa zum Sonntagseinkauf oder zum Sterbehilfeverbot stellen sich leider dieser Komplexität nicht ausreichend. Aber das wäre ein anderes Thema.

Jedenfalls ist eine solche Botschaft und Praxis das, was die christliche Gemeinde ausmacht, nicht die Marke CHRISTENTUM. Die missionarische Aufforderung der frühen Christinnen und Christen, die sagten: „Bekehrt euch und glaubt an Jesus Christus“ bedeutete nicht „Tretet in die Kirche ein und bezahlt Kirchensteuern“, sondern es bedeutete „Schließt euch unserer Lebenshaltung an, vertraut auf die Botschaft vom Reich Gottes und der erlösten Welt.“

Es geht, mit anderen Worten, beim Missionieren um Überzeugen, nicht um Mitgliederrekrutierung. Oder, um ein Bonmot eines gewissen Kardinals zu paraphrasieren: Mir ist ein Atheist, der mit einer Haltung durch die Welt geht, die ich Menschenliebe und Gottvertrauen nennen würde, lieber als zehn Christen, die sauertöpfisch auf kirchliche Mitgliederstatistiken starren.

Dass die Kirche als Institution und ihre religiöse Sprache und Praxis für immer mehr Menschen keine Überzeugungskraft hat (in Westeuropa, es ist ja ein regional begrenztes Phänomen), ist angesichts ihrer Geschichte nicht verwunderlich. Diese neue Mitgliederstudie zeigt, dass diese Entwicklung unumkehrbar ist (höchtswahrscheinlich, denn bei Gott ist ja nichts unmöglich). Aber das heißt eben nicht, dass wir nicht mehr missionieren können. Christliche Inhalte kann man auch Menschen nahebringen, die mit Kirche und Christentum aus welchen Gründen auch immer absolut nichts anfangen wollen.

Die Ergebnisse der Mitgliederstudie deuten allerdings darauf hin, dass sich fromme Menschen immer öfter entscheiden müssen, was sie im Zweifelsfall für wichtiger halten: Die Organisation Kirche und speziell christliches „Branding“, oder den Missionsbefehl, also die Verkündigung der guten Botschaft an alle Welt.

Ich persönlich muss darüber allerdings nicht lange nachdenken.