Archiv für den Monat Februar 2014

Beyond Monotheism: Die Autobiografie von Rosemary Radford Ruether

„Religion is a human construction. To say this is simply to say that all human culture is a human construction.“

Mit diesem Satz beginnt Rosemary Radford Ruether ihre Autobiografie, und er ist so simpel wie wahr. Auch wenn es immer noch Religionsverwalter gibt, die glauben, die absolute Wahrheit zu wissen, oder Witzbolde, die glauben, alle Kirchen würden in sich zusammenstürzen, wenn wir nur endlich einsähen, dass Religion bloß ein menschliches Konstrukt ist.

Foto: theprogressivecatholicvoice
Foto: theprogressivecatholicvoice

Für feministische Theologinnen (unter anderem) ist diese Erkenntnis hingegen nicht der Endpunkt ihrer Theologie, sondern selbstverständlich der Ausgangspunkt. Nämlich für die Frage: Und wie will ich nun an diesem menschlichen Konstrukt mitwirken? Wie will ich mich mit meiner persönlichen Subjektivität, mit meinen Erfahrungen und meinem Begehren dort einbringen?

Davon, wie Rosemary Radford Ruther das machte, handelt ihr Buch. Das war vor allem die Entscheidung, in ihrer eigenen religiösen Tradition (dem Katholizismus) zu bleiben, also ihre Tradition und Herkunft anzuerkennen, gleichzeitig aber souverän die volle Verantwortung für den eigenen Glauben und die eigene Theologie zu übernehmen. Was heißt: dem eigenen „besten Wissen und Gewissen“ mehr verpflichtet zu sein als den traditionellen religiösen Autoritäten.

Auf diese Weise wurde sie eine der wichtigsten Vordenkerinnen der feministischen Theologie. Ihr 1983 erschienenes Buch „Sexism and God-Talk“ (ins Deutsche übersetzt mit „Sexismus und die Rede von Gott“, was aber irgendwie dröge klingt, „God-Talk“ it is!) war eine der maßgeblichen Grundlagen für viele feministische Theologinnen, auch für mich.

Jetzt hat die 1936 geborene Theologin also ihre Autobiografie vorgelegt (die hoffentlich auch bald ins Deutsche übersetzt wird). Darin erzählt sie nicht einfach chronologisch ihr Leben, sondern hat das Buch – nach einem ersten Kapitel über ihre Kindheit, Jugend und Studium – in fünf inhaltliche Kapitel gegliedert. Sie erzählt also anhand von Themen, wie sich im Lauf ihres Lebens ihr Denken entwickelt hat und von welchen Lebensereignissen sie dabei geprägt war.

Die Kapitelthemen sind: der Katholizismus, das Verhältnis zwischen Judentum, Christentum und Islam, Interreligiosität und Atheismus (mit dem mir besonders gut gefallenden Untertitel „Beyond Monotheism“ :)), das „Mental Health System“ in den USA (Ruether hat einen psychisch kranken Sohn), sowie Ökofeminismus und Umweltschutz.

Das ist sehr lesenswert, weil es durch das vielfältige Engagement Ruethers in allen möglichen politischen, akademischen und sonstigen Initiativen und Organisationen auch einen Einblick in das religiöse Leben der USA gibt, das hierzulande ja oft vorschnell unter dem Label „alles fundamentalistische Eierköppe“ abgeheftet wird.

Ich habe bei der Lektüre so manches gelernt. Alles kann ich hier nicht aufschreiben, aber eines doch, nämlich eine Erkenntnis, die wichtig ist für den interreligiösen Dialog (und letztlich ist jeder politische Dialog auch ein interreligiöser, weil immer verschiedene Glaubenssysteme und Weltanschauungen involviert sind.) Und zwar die Notwendigkeit, so Ruether,

„… to see each religion as complete, functioning worldviews in themselves.“

Jede Religion als eine in sich vollständige und funktionierende Weltanschauung zu verstehen, so schreibt sie weiter,

„represented a very different understanding of truth from the idea that different religions can be reduced  to different ways of saying the same thing, or that one is right and the other wrong.“

Ich habe nie geglaubt, dass manche Religionen recht haben und andere falsch liegen. Aber dass verschiedene Religionen unterschiedliche Wege sind, dasselbe zu sagen, habe ich schon oft angenommen, es schien mir die einzige Alternative zu sein. Wenn auch mit Bauchschmerzen, weil mir die einschlägigen Projekte, hinter den verschiedenen Religionen ein gemeinsames „Weltethos“ auszumachen, mir schon lange suspekt sind.

Allerdings ist auch Simone Weil der Ansicht, dass die Aufgabe jeder Zeit darin bestehe, die „Wahrheit“ jeweils im eigenen Kontext und für die eigene Zeit neu zu sagen und auszusprechen. Sie wollte damit der Fortschrittshybris widersprechen, die die Menschheitsgeschichte als fortlaufendes Näherkommen an die „Wahrheit“ interpretiert, etwa durch wissenschaftlichen Fortschritt. Von einer „immerwährenden“ Wahrheit auszugehen, die nur jeweils neu kontextualisiert werden muss, schützt auch vor der typisch westlichen Arroganz, zu glauben, dass wir heute als Gesellschaft klüger wären als zum Beispiel die Menschen in der Antike oder im Mittelalter oder in anderen Regionen der Welt.

Ich teile Weils Kritik und habe es bisher auch eher so gesehen, dass jede Kultur (und jede Zeitepoche) das, was „wahr“ ist, nur jeweils neu und aktualisiert beschreibt, und dass es keinen „Fortschritt“ gibt im Verhältnis von Kulturen und ihrer Nähe zur Wahrheit – wohl aber Unterschiede zwischen verschiedenen Kulturen hinsichtlich ihrer „Wahrheitsnähe“, wenn man so will. Die aber, so würde ich sagen, hängen eben nicht vom „Fortschritt“ ab, denn es gibt auch Fortschritt (natur- wie geisteswissenschaftlicher), der Gesellschaften weiter weg von der „Wahrheit“ führt. Wahrheit natürlich, mit Weil, transzendent gemeint, also „unverfügbare Leerstelle“, Orientierung, Gott.

Ruether jetzt geht mit ihrem Vorschlag noch einen Schritt weiter, indem sie darauf hinweist, dass verschiedene Glaubenskulturen „complete, functioning worldviews in themselves“ sind, dass es also verschiedene „Wahrheiten“ gibt, nicht nur „einen“ Gott. Das „Wahre“ an einer anderen Position, einer anderen Religion, einer anderen Weltanschauung ist nicht nur nicht daran messbar, wie nah oder fern es meiner eigenen ist (der vulgäre, fundamentalistische Zugang), sondern auch nicht daran, wie nah oder fern es einer angenommenen universalen, für alle gültigen, präexistenten „Wahrheit“ kommt. Das entspricht auch meiner Erfahrung als „Differenzdenkerin“, so funktionieren intervitale Gespräche, das war mir nur bis jetzt nicht so klar.

Beyond Monotheism. Gott ist nicht EINS (und schon gar nicht EINER).

Das ist, wohlgemerkt, nicht gleichbedeutend mit einem relativistischen „Anything Goes“. Es gibt auch in diesem, quasi dezentralen Wahrheits- und Gottesverständnis noch Maßstäbe und Orientierung. Einer wäre zum Beispiel das „functioning“ – eine Weltsicht, die nicht „funktioniert“, etwa weil sie die Erde in Trümmer legt, ist relativ weit von „Wahrheit“ und „Gottesfürchtigkeit“ entfernt. Aber im Rahmen dessen, was „funktioniert“ gibt es eben eine Bandbreite an Möglichkeiten, und mit diesen haben wir es im interreligiösen, interkulturellen, oder besser: intervitalen Gespräch immer zu tun.

Wem das zu theoretisch ist, findet in der Biografie von Ruether zahlreiche Beispiele dafür, wie das praktisch vonstatten gehen kann. Sie hat nämlich nach diesem Maßstab gelebt, Politik gemacht und Theologie entwickelt.

Rosemary Radford Ruether: My Quest for Hope and Meaning, Cascade Books 2013, gibt’s für 7,52 Euro als E-Book.