Gedankensplitter zu Kirche und Social Media

socialmediagospelVergangene Woche war ich in Nürnberg bei einem Workshop der Evangelischen Stadtakademien in Bayern – mein Vortrag steht als Audio zum Nachhören hier. Während der Vorbereitung hatte ich das Buch „The Social Media Gospel“ von Meredith Gould gelesen, außerdem konnte ich dann in Nürnberg selbst einen interessanten Vortrag von Daniel Kraft, dem Kommunikationschef der Bundeszentrale für politische Bildung, mitbekommen. Bei all dem fielen mir einige Aspekte zum Thema auf, die ich hier kurz notiere, damit ich sie nicht vergesse.

Lokalisierbarkeit – wird in kirchlichen Social Media-Aktivitäten, so sie denn überhaupt vorhanden sind, noch sehr unterschätzt. Immerhin besteht kirchliches Leben zu einem Großteil aus Veranstaltungen, die an speziellen Orten stattfinden, in Kirchen, Akademien, Gemeindehäusern etc. Die meisten davon sind aber nicht bei Diensten wie Foursquare oder auch Facebook Places zu finden, weshalb man sich dort auch nicht einloggen kann. Würde dieser Aspekt verfolgt, könnte ohne großen Aufwand viel Aufmerksamkeit quasi automatisch generiert werden.

Blogger Relations – Wenn sich kirchliche Akteur_innen Gedanken darüber machen, wie sie bzw. ihre Institutionen „ins Netz gehen“ können, wird immer zuerst an die eigene Onlinepräsenz gedacht. Dass man auch Beziehungen zu Blogger_innen aufbauen könnte, ist fast gar nicht im Blick. Dabei wird ja schon viel über religiöse Themen ins Internet geschrieben. Aber während ich zum Beispiel als Bloggerin regelmäßig Anregungen, Vorschläge, Kooperationsangebote usw. aus allen möglichen Ecken bekomme, teilweise aus völlig absurden, scheinen sich Kirchenleute kaum dafür zu interessieren, was ich schreibe.

Introvertierte Menschen – Dass Kommunikation über das Internet es vor allem introvertierten Menschen (besser als „Real-Life“-Kontakte) ermöglicht, soziale Beziehungen zu knüpfen, wäre ein starkes Argument, um Kirchenleuten den Wert von sozialen Netzwerken nahezubringen und sollte häufiger angeführt werden. Das derzeitige Gemeindeleben, wo man viel Mut braucht und Hürden überwinden muss, um überhaupt mal mit jemandem „aus der Kirche“ Kontakt aufzunehmen, ist nämlich sehr ausschließend und bevorzugt einen gewissen Menschentypus, nämlich die Kontaktfreudigen, für die es kein Problem ist, mit fremden Menschen ins Gespräch zu kommen.

Community Building – Das Internet liefert gute Tools für das Aufbauen und Festigen dezentraler Gemeinschaften. Community Management ist inzwischen ein eigener Berufszweig. Wären das nicht ideale Tools für Community Building im Sinne von „Gemeindeaufbau“? Hat das schon mal jemand theologisch durchdacht?

Zeitzyklen – Meredith Gould schreibt, dass ihrer Erfahrung nach die Zeit im Internet ungefähr dreimal so schnell verläuft wie außerhalb. Gerade in Bezug auf das Entstehen von Beziehungen und Freundschaften und das Entstehen von Gemeinschaften. Das erscheint mir ziemlich gut geschätzt und trifft sich mit meinen eigenen Erfahrungen. Das bedeutet auch, dass man – selbst im schnellen Internet – nicht von heute auf morgen mit Erfolgen rechnen darf.

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8 Gedanken zu “Gedankensplitter zu Kirche und Social Media

  1. … das sind gute Anregungen! Vielleicht sollte man das Thema mal in ef anregen, das macht es bei den Älteren seriöser. Denn gerade diese Zielgruppe (mich eingeschlossen) haben Probleme damit, zu viele Daten von sich zu veröffentlichen..

  2. Ein paar kleine Anmerkungen, Fragen
    @Lokalisierbarkeit: da frage ich mich umgekehrt, ob Foursquare und Co. hier nicht überschätzt werden. M.E. ändert sich das ganze Drum-herum, was Veranstaltungen betrifft, derzeit rasant. Ich würde eher sagen: wir müssen über unsere Angebotsstrukturen nachdenken, ob sie noch zeitgemäß sind. Vorträge werden zB viel schlechter besucht als vor zehn Jahren, das Netz liefert Infos und Austausch. Ich frage mich mehr und mehr, was können wir anbieten, was das Netz an Lücken lässt? Nicht im Sinne, das Kirche wieder mal in die Lücken springen soll oder versucht sich in Lücken zurückzuziehen, sondern ich glaube, dass es Dinge gibt, die eben nicht digital gehen. Ist für mich im Kern eine seelsorgerliche Fragestellung. – Die Klassiker wie Gottesdienste sind vielfach gut vernetzt – ob es was hilft, wäre mal zu erfragen. 😉
    @Blooger Relations: Zustimmung. Bei mir sieht es eher umgekehrt aus, bekomme Rückmeldungen aus dem kirchlichen Bereich, weniger von außen. Kommt vielleicht noch. Du hast mal irgendwann gebloggt: Wer meine Beiträge finden will, wird sie finden. Das fand ich gut auf den Punkt gebracht.Ich schreibe, weil es mir Spaß macht, manchmal weil´s mich drängt. (Paul Bowles: Schreiben ist eine Art Exorzismus).
    @Introvertierte Menschen: erlebe ich, seit ich mit einer Website online gegangen bin, also seit 1998.
    @Community-Bildung: ja, erlebe ich auch so. In den letzten Monaten zB in der FB-Gruppe „Zentrum für evangelische Predigtkultur“. Vielfältige, wertschätzende Anregungen und Rückmeldungen zu Predigt (-entwürfen). Da ist in Social Media aber noch mehr drin. Twitter verstehe ich mehr und mehr auch als berufsgruppenbezogene Alltagsunterstützung, Eine Zeile: ich hab vier Beerdigungen hintereinander und alle Pfarrer_innen wissen, was ich meine. Geteiltes Leid ist halbes Leid, ,eine Kolleg_innen vor Ort sehe ich seltener als ich mit anderen Pfarrer_innen twittere.
    @Zeitzyklen: Das klingt sehr kurz und knapp, etwas plakativ. Mir ist nicht so ganz klar, was du bzw. M. Gould an dieser Stelle genau meinst.

    1. @Matthias Jung – Natürlich gibt es Dinge, die nicht digital gehen, aber Veranstaltungen werden nach wie vor gut besucht. Vielleicht nicht unbedingt Vorträge, aber meine Erfahrung ist, dass Leute, die sich „aus dem Internet“ kennen, sich dann gerne auch mal persönlich treffen wollen. Barcamps sind zum Beispiel schon gut besucht, wenn sie ein spannendes Thema haben. Aber mit den Lokalisierung-Tools: Ich weiß inzwischen von einer Reihe von Orten (meistens in Berlin), die mir durch sowas in meine Timeline kommen und dadurch kommen mir diese Orte schon vertraut vor, obwohl ich noch nie da war. Würde sich mal die Gelegenheit ergeben, wäre die Hemmschwelle sicher niedriger. Sowas könnte ich mir grade für Akademien oder so durchaus vorstellen.

      Zu den Zeitzyklen: Damit ist vor allem der Zeitraum gemeint, in dem sich Beziehungen, Vertrauen und Reputation entwickeln. Also vom ersten Bemerken einer anderen Person bis zu dem Gefühl, sie schon zu kennen, vom ersten Gespräch zum persönlichen Austausch zum Telefonat zum Treffen zur Freundschaft. Sowas muss sich ja über einen gewissen Zeitraum entwickeln, diese Zeiträume sind im Internet kürzer, aber eben nicht nichts.

  3. Ja, ich stimme dir zu, die Akademien und andere kirchliche Einrichtungen haben da noch Nachholbedarf, ganz sicher. Vielleicht ist es auch meine eher kleinstädtische Erfahrung, in den großen Städten sieht es vielleicht anders aus, mit den Veranstaltungen. – Die Sache mit den durch die Timeline vertrauten Orten kenne ich nun gar nicht… Die Erfahrung mit den Menschen allerdings schon, da habe ich schon das Gefühl, manche_n schon übers Netz gut zu kennen und möchte ihn/sie dann auch mal live erleben (so ähnlich sind wir ja auch mal zueinander gekommen 😉 ). Ich kann aber nicht sagen, dass sich hier die Zeiträume für mich verändert haben, eher sind die Entfernungen viel größer als früher, die sich überbrücken lassen und für die ich auch bereit bin, mal ein paar Kilometer zu reisen.

  4. Ich bin so ein „Kirchenleut“, zuweilen schon hyperaktiv im Netz gewesen. Zur Zeit zurückhaltender. Im Netz steh ich auf Häppchenkost, daher komme ich selten hierher, weil mir hier (wie woanders) die Zeit fürs gründliche Lesen fehlt. Und lesen will ich ja, was ich fundiert kommentieren will.
    Das Netz ist für mich Teil meines geistlichen Lebens geworden. Ich nutze es gerne für die Arbeit, eine berufliche ‚Fanpage‘ bei Facebook wird bald ein Jahr. Vieles ist sehr anregend, dieser Beitrag auch. Und auch für mich und die eigenen Gemeinde ist längst nicht alles ausgereizt. Zum Beispiel Twitter: Da assoziiere ich eher ‚überreizen‘, dort dann nicht…

  5. Zustimmung in vielen Punkten. Ich finde es vor allem erstaunlich, welche Möglichkeiten Gemeinden nicht nützen, die meistens nicht viel Aufwand brauchen und zudem kostenlos sind. Der Gedanke Menschen erreichen zu wollen, ist Kirchens irgendwie verloren gegangen. Seltsam eigentlich …
    Vieles von dem, was Sie da beobachtet haben, versuche ich in meiner Arbeit den Gemeinden zu sagen. Mit unterschiedlichem Erfolg …

  6. Hallo,
    ich habe mir dazu schon häufiger Gedanken gemacht. Nachzulesen in epischer Breite hier:
    http://glaubenstexturen.wordpress.com/2012/10/01/evangelisch-de-internet-portal-der-ekd-in-scherben/
    Und mit etwas anderen Akzenten hier:
    http://glaubenstexturen.wordpress.com/2012/11/28/christen-geht-auf-die-foren/
    http://glaubenstexturen.wordpress.com/2013/10/09/woran-sterben-christliche-internetforen/

    Ich fände es toll, wenn die Diskussion darüber wieder in Gang kommt!

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