Archiv für den Monat November 2013

Blogstöckchen: Fünf Fragen

Von Andrea Mayer-Edoloeyi wurde mir ein Blogstöckchen zugeworfen mit fünf Fragen, die ich hier gerne mal rasch beantworte:

1. Jede/r braucht mal eine Auszeit. Wann sind bei Dir die digitalen Gadgets bewusst off? Oder gibt es das nicht?

Auszeit hängt für mich nicht damit zusammen, welche Gadgets ich benutze. Aber ich halte seit einiger Zeit Sabbat.

2. Wie hast Du Dir dein Leben in Deinem jetzigen Lebensalter vorgestellt als Du 13, 14, 15, mitten in der Pubertät, warst?

Kann mich nicht erinnern, dass ich da schon eine Vorstellung von meinem späteren Leben hatte. Generell plane ich nicht weit in die Zukunft, sondern lasse die Dinge eher auf mich zukommen. Mir gefällt der Spruch „Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, mach einen Plan“.

3. Die Kirche stellt Dich für ein Jahr an und Du kannst machen, was Du ganz persönlich ganz, ganz wichtig findest. Was würdest Du tun?

Ich versuche eigentlich, auch sowieso möglichst Dinge zu tun, die ich persönlich wichtig finde. Wenn ich bei der Kirche angestellt wäre (also das bin ich ja teilweise schon, aber wenn ich es ohne speziellen Auftrag wäre), dann würde ich mich vermutlich schon verpflichtet fühlen, auch etwas zu tun, was für die Kirche nützlich wäre. Vermutlich würde ich überlegen, wie man heute das Konzept „Gott“ auf eine Weise vermitteln kann, dass nicht so viele Menschen denken, man wäre deswegen ein bisschen verrückt, weil das doch so Mittelalter ist.

4. Was sind Deine Ressourcen um den Gedanken an die in Auschwitz und Mauthausen ermordeten Menschen oder an Kinder, die heute verhungern, auszuhalten?

Da antworte ich ganz fromm und sage, dass ich da auf Gott vertraue. Anders kann ich es mir nicht vorstellen, das auszuhalten, ohne zynisch zu werden oder wegzuschauen oder es sich irgendwie schön zu reden. Oder sich total zu überfordern, weil man die Welt trotz aller Anstrengung auch nicht retten kann. Ich muss die Welt nicht retten, dafür ist Gott zuständig. Das zu wissen, gibt mir die Freiheit, immerhin das zu tun, was mir möglich ist. Ob mir das gelingt, darüber muss dann auch wieder Gott urteilen (und nicht irgendwelche anderen Menschen).

5. Du bekommst € 100.000 mit der Auflage das Geld für soziale, politische oder kulturelle Zwecke zu verwenden. Wo investierst du?

Keine Ahnung. Die Rolle, angesichts der Fülle von Möglichkeiten, die es da gibt, eine Entscheidung zu treffen, macht mir ein bisschen Angst. Vermutlich würde ich für das erstbeste sinnvolle Projekt spenden, das mir über den Weg läuft, nachdem ich diesen Auftrag bekommen habe. Dann war das der Heilige Geist 🙂 _ Bei solchen Dingen halte ich es mit Simone Weil, die mal sagte, man soll sich mit Problemen erst dann beschäftigen, wenn man sie auch wirklich hat.

Und jetzt die fünf Fragen, die ich an weitere Blogger_innen stellen kann:
1. Stell dir vor, du kommst von einem fremden Planeten auf die Erde und müsstest dir eine Religion aussuchen – welche wäre das (außer deiner eigenen, das gilt nicht)?
2. Dein Lieblingsbuch aus der Bibel?
3. Gebrauchst du im Gespräch mit nicht-gläubigen Menschen das Wort „Gott“ und wenn ja, wie sind die Reaktionen?
4. Gibt es derzeit eine Renaissance der Religion oder nicht?
5. Was bedeutet für dich Frommsein?

Das Stöckchen schmeiße ich an:
Mattias Jung
Ina Praetorius
Frau Auge

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Warum man Gott nicht mehr als „Herrn“ beschreiben kann

Angeregt von diesem Blogpost von Matthias Jung habe ich das Bedürfnis, einmal aufzuschreiben, warum es meiner Ansicht nach nicht möglich ist, Gott heute noch als „Herrn“ zu beschreiben.

Diese in den Kirchen (immer noch) weit verbreitete Gepflogenheit ist von feministischen Theologinnen schon lange kritisiert worden, mein Einwand gegen den Begriff ist also nicht originell. Allerdings möchte ich etwas andere Gründe in den Vordergrund schieben.

Üblicherweise wird dabei kritisiert, dass „Herr“ ein klar männlich besetzter Begriff ist (und neben dem Bild von Gott als „Vater“ damit die imaginierte Männlichkeit Gottes weiter festklopft). Außerdem werde damit ein strenger, autoritärer, ungnädiger Richtergott evoziert. Von der Gegenseite wird dieser feministischen Kritik dann oft vorgeworfen, sie würde Gott verniedlichen wollen, ihn zu einem „Kuschelgott“ machen.

Meiner Meinung nach ist es genau andersrum. Gott heute noch als „Herrn“ zu bezeichnen, macht das Konzept von Gott klein und lächerlich. Und zwar deshalb, weil sich die Bedeutung und der Kontext des Begriffs „Herr“ inzwischen völlig verändert hat.

In biblischer Zeit und auch noch zu Luthers Zeiten hatte jeder Mensch Erfahrung mit Herren, aber praktisch niemand war selber einer. Demokratie und Gleichheit waren als Ideale des menschlichen Zusammenlebens noch nicht erfunden. Dass es Menschen gab, die quasi naturgemäß „höher“ standen als man selbst, war für die meisten eine Selbstverständlichkeit, eine reale Erfahrung. Es gab Herren und Knechte, und die Herren waren die, die oben standen, die die Macht (und oft auch Autorität) hatten, die das Sagen hatten, ohne dass es da viel zu diskutieren gab.

In einem solchen Kontext Gott als „Herrn“ zu beschreiben, knüpfte also an diese reale Erfahrung an: Gott hat das Sagen, Gott steht oben, Gottes Wille ist maßgeblich für dich. Und, mehr noch, es hatte einen kritischen Impuls im Verhältnis zu den tatsächlichen, irdischen Herrschern: Gott ist dein Herr, nicht der Fürst, nicht der König. Im Zweifel musst du Gott gehorchen, nicht denen, die hier in der Welt als Herren gelten.

Inzwischen gibt es aber keine Herren mehr, beziehungsweise keine, die sich selber so nennen würden. Das Konzept der Herrschaft wird nirgendwo mehr geteilt. Es gibt Herrschaft natürlich (leider) nach wie vor, aber die Herrschenden müssen sich heute rechtfertigen: Sie seien demokratisch legitimiert, sie hätten sich ihre Macht durch Leistung erarbeitet, sie täten mit ihrer Herrschaft der Welt etwas Gutes oder dergleichen. Niemand kann sich einfach darauf berufen, eben „der Herr im Haus zu sein“ und basta. Herrschaft einfach nur so, aus sich selbst heraus, hat als Konzept ausgedient.

Um das ganz deutlich zu machen und im Alltag aller Menschen zu verankern, sind heute alle Männer „Herren“, der Herr Schmidt und der Herr Meier (was natürlich den Aspekt der Vermännlichung Gottes noch einmal exponenziell verschlimmert, denn der „Herr Gott“ ähnelt jetzt nicht mehr nur einigen wenigen Männern, sondern allen).

Gott in dieser Situation nach wie vor als „Herrn“ zu beschreiben, hat also zweierlei zur Folge:

Versteht man es im ursprünglichen, hierarchischen Sinn, dann ist ein „Herrgott“ etwas Antiquiertes, Vordemokratisches, etwas, das keinerlei Verankerung mehr in der alltäglichen Lebensrealität der Menschen hat, aus der die Herren (in diesem expliziten, positiv besetzten Sinn) nämlich zum Glück längst verschwunden sind. Gott, der „Herr“, wird logischerweise bekämpft, so wie alle Herren, und zu Recht.

Versteht man es im alltäglichen Sinne von „Jeder x-beliebige Mann“ dann ist das Konzept „Gott“ erst recht überflüssig. Es sagt dann nämlich: Gott ist nichts Besonderes, er ist zwar nicht so wie die Frauen, aber doch so wie alle Männer, und wer braucht das schon?

Es ist also ein Missverständnis, zu glauben, die feministische Kritik am „Herr Gott“ würde Gott klein machen und sich davor scheuen, Gottes Größe und Unhintergehbarkeit anzuerkennen. Das genaue Gegenteil ist der Fall: Die Rede von Gott als „Herren“ macht Gott überflüssig, unverständlich und banal.

Was wäre die Alternative? Gibt es eine Möglichkeit, die ursprüngliche Bedeutung dieses Bildes von „Gottes Herrlichkeit“ zu retten, also die, dass Gottes Wille höher ist als das Höchste, das wir uns auf Erden vorstellen können, und das früher eben die Herren waren, heute aber schon lange nicht mehr?

Was ist denn heute das Höchste, das Menschen als Maßstab ihres Handelns anerkennen und das Gefahr läuft, die unbedingte Autorität Gottes in Frage zu stellen? Das wäre die Frage, über die wir nachdenken müssten, um zeitgemäße und verständliche Begriffe für Gott zu finden. Ich vermute, es ist sowas wie „Ich“ oder „Vernunft“.

Gott ist mein wirkliches Ich, Gott ist meine wirkliche Vernunft, in der Art vielleicht.