Archiv für den Monat Oktober 2013

Oder wie würdet Ihr das nennen?

waldIch nehme an, viele von euch kennen das, was mir heute passiert ist, oder zumindest sowas Ähnliches.

Es war ein Sommertag in Frankfurt, in warmem Sonnenschein fuhr ich Rad, bog ein in einen Waldweg, sah die Herbstfarben an den Bäumen und hatte ein Gefühl, eine Erkenntnis, eine Klarheit von „WOW“.

In christlichen (oder generell religiösen?) Vokabeln ausgedrückt würde ich diesen Moment oder diesen Zustand, in den ich da geriet, „Dankbarkeit für Gottes gute Schöpfung“ nennen. Aber wenn ich das heute so sagen würde, würden mich die meisten Menschen für ein bisschen gaga halten.

Also überlegte ich beim Weiterfahren, ob ich dieses Gefühl, diesen Zustand, diese Erkenntnis irgendwie anders beschreiben könnte. Dann wird es aber deutlich länger, denn die Angelegenheit ist komplex. Also, folgendermaßen vielleicht:

– Wow, ist das schön! (Ist „Wow“ heute vielleicht ein Synonym für Gott?)
– Ich bin sehr froh, dass ich das erlebe.
– Ich erlebe das einfach so, ohne dass ich es mir durch irgendwas verdient hätte.
– Ich bin dankbar (aber nicht einer bestimmten Person, sondern einfach so generell).
– Das hier ist kostbar und wichtig, aber gefährdet, kann kaputtgehen oder kaputtgemacht werden. Das darf aber nicht sein.
– Angesichts der Größe der Welt bin ich nur ein winzigkleines Teilchen, aber irgendwie ist das auch nicht schlimm, sondern geht so in Ordnung.
– Das, was ich hier erlebe, ist ein Privileg, ich weiß sehr genau, dass andere Menschen das nicht erleben, und das ist falsch (diese Erkenntnis ist sehr klar und ungeschönt, aber gleichzeitig geht von ihr – in diesem Moment, anders als sonst – merkwürdigerweise keine Schwere aus, sie macht mich nicht depressiv, sondern eher entschlossen).
– Das hier ist wichtig. Wichtiger als vieles, was ich ansonsten für wichtig halte.

Ich glaube, das ist es so ungefähr, was gemeint ist, wenn von „Dankbarkeit für Gottes Schöpfung“ die Rede ist.

Was mir nun nicht ganz klar ist, ist die Frage nach der Henne und dem Ei. Ist das Erleben eines solchen Momentes generell ein menschliches Erleben oder ein speziell Religiöses? Also: Erleben sowas alle, drücken es aber anders aus als ich mit meinem religiösen Hintergrund? Oder erlebe ich das nur, weil ich durch meine religiöse Sozialisation darauf „trainiert“ wurde (bei der mir schon als Kind erklärt wurde, zum Beispiel: Schau her, wie schön der liebe Gott diese Blume gemacht hat)?

Oder ist es eine Mischung aus beidem, also dass nicht-religiöse Menschen ähnliche Momente erleben, aber nicht alle Umschreibungen, die ich dafür gebe, teilen würden? Sondern dass Ihnen ganz andere Dinge im Kopf herum gehen? Oder teilweise andere Dinge?

Jedenfalls finde ich es wichtig, eine kulturelle Sprache für diese Art Erleben_Erkenntnis zu haben. Also Wörter, mit denen wir uns darüber verständigen, dass wir solche Momente erleben, damit das letztlich auch politische Fragen aufwirft und in unsere Kulturproduktion mit einfließt. Damit man es sozusagen als Argument benutzen und sich darauf beziehen kann. Ohne für gaga gehalten zu werden.

„Dankbarkeit für Gottes Schöpfung“ wäre quasi sowas wie ein Mem, in dem diese komplexe Situation eingeschrieben ist (und natürlich ist sie noch komplexer als in meinen paar Spiegelstrichen aufgelistet). Nur dass das Mem halt nicht mehr funktioniert.

Gibt es vielleicht ein anderes? Ich hätte jedenfalls gerne eins.

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