Gott kann uns nicht helfen, aber wir ihr_ihm

Mit der Allmacht Gottes habe ich es ja nicht so, zumindest driftet diese Vorstellung vom Allmächtigen leicht in Zerbilder des großen Zampanos ab, der irgendwo sitzt und macht, wozu er gerade Lust hat (oder was er jeweils für gerecht findet).

Deshalb freute es mich, als ich neulich mal wieder in dem Buch „Das denkende Herz“ von Etty Hillesum las, dass ich diese Stelle fand, die ich hier mal festhalte:

Es sind schlimme Zeiten, mein Gott. Heute nacht geschah es zum erstenmal, dass ich mit brennenden Augen schlaflos im Dunkeln lag und viele Bilder menschlichen Leidens an mir vorbeizogen. Ich verspreche dir etwas, Gott, nur eine Kleinigkeit: ich will meine Sorgen um die Zukunft nicht als beschwerende Gewichte an den jeweiligen Tag hängen, aber dazu braucht man eine gewisse Übung. Jeder Tag ist für sich selbst genug. Ich will dir helfen, Gott, dass du mich nicht verlässt, aber ich kann mich von vornherein für nichts verbürgen. Nur dies eine wird mir immer deutlicher: dass du uns nicht helfen kannst, sondern dass wir dir helfen müssen, und dadurch helfen wir uns letzten Endes selbst. Es ist das einzige, auf das es ankommt: ein Stück von dir in uns selbst zu retten, Gott. Und vielleicht können wir mithelfen, dich in den gequälten Herzen der anderen Menschen auferstehen zu lassen. Ja, mein Gott, an den Umständen scheinst auch du nicht viel ändern zu können, sie gehören nun mal zu diesem Leben. Ich fordere keine Rechenschaft von dir, du wirst uns später zur Rechenschaft ziehen. Und mit fast jedem Herzschlag wird mir klarer, dass du uns nicht helfen kannst, sondern dass wir dir helfen müssen und deinen Wohnsitz in unserem Inneren bis zum Letzten verteidigen müssen. Es gibt Leute, es gibt sie tatsächlich, die im letzten Augenblick ihre Staubsauger und ihr silbernes Besteck in Sicherheit bringen, statt dich zu bewahren, mein Gott. Und es gibt Menschen, die nur ihren Körper retten wollen, der ja doch nichts anderes mehr ist als eine Behausung für tausend Ängste und Verbitterung. Und sie sagen: Mich sollen sie nicht in ihre Klauen bekommen. Und sie vergessen, dass man in niemandes Klauen ist, wenn man in deinen Armen ist. Ich werde allmählich wieder ruhiger, mein Gott, durch dieses Gespräch mit dir. Ich werde in der nächsten Zukunft noch sehr viele Gespräche mit dir führen und dich auf diese Weise hindern, mich zu verlassen. Du wirst wohl auch karge Zeiten in mir erleben, mein Gott, in denen mein Glaube dich nicht so kräftig nährt, aber glaube mir, ich werde weiter für dich wirken und dir treu bleiben und dich nicht aus meinem Inneren verjagen.

(aus: Das denkende Herz. Die Tagebücher von Etty Hillesum 1941-1943, Rowohlt 2006, S. 149f).

Ich frage mich manchmal, da ich ja nicht in solchen Umständen wie Etty Hillesum lebe, ob ich zu so einer Haltung fähig wäre, wenn ich wüsste, dass mich die Nazis vermutlich demnächst in ein Konzentrationslager deportieren würden. Ich bin mir auch nicht so sicher, ob ich Hillesums Geringschätzung des Körpers teile, aber ich kann es nicht beurteilen, weil mein Körper noch nie so in Gefahr war wie der ihre damals.

Aber ich finde die Klarheit beeindruckend, wie sie hier die Bedürftigkeit Gottes beschreibt.

Und vielleicht ist es auch ein gutes Beispiel auf die Fragen, die in den Kommentaren zu meinem Blogpost neulich aufgekommen sind, wie es denn möglich sei, mit der UVL ein Gespräch zu führen. So wie sie das macht eben.

PS: Lesenswert zum Thema Allmacht ist auch der entsprechende Abschnitt aus Ina Praetorius‘ Auslegung des Glaubensbekenntnisses.

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9 Gedanken zu “Gott kann uns nicht helfen, aber wir ihr_ihm

  1. Antje, ich empfinde es bei ihr gar nicht als Geringschätzung ihres Körpers, wenn sie sagt „nichts anderes mehr ist als eine Behausung für tausend Ängste und Verbitterung“, sondern eine reale Beschreibung durch das NICHTS MEHR. Und das Gespräch mit Gott erfüllt da ihren Körper, in dem sonst auch nur Angst…sein würde/müsste.
    Wunderbar ihr Sprechen, und doch kaum vorstellbar…

  2. Ja, ist doch alles sonnenklar: Gott ist bedürftig in der Hinsicht, dass es sich selbst in ihrer Allmacht nicht erfahren kann. Dafür braucht sie uns: Wir sind sozusagen die Selbsterfahrungszellen Gottes. Manche Zellen gehen gut mit sich um, manche weniger, manche erfahren ganz viel Leid und manche Glück und Erlösung. Weil die UVL wissen will, wie das alles so ist und wie es sich anfühlt, schafft sie Kreaturen, die die ganzen Erfahrungen für es machen. Dann weiß er, wie es sich anfühlt, eine erfahrene Existenz zu sein. Genau deshalb existiert die universale Vermutungslücke auch, denn sie will gefüllt und gefühlt sein. Durch uns, die wir unsererseits stets ein Gefäß Gottes und ein Tempel für es sein sollen.

    Dieses Bild habe ich mir aus einigen sehr lückenhaften Infos aus den indischen Religionen, Buddismus und manchen Verschwörungstheorien zusammenklickibuntiet, aber es gefällt mir fast so gut wie die Krümel-äh-Spaghettimonster 😉

    1. @Benni – Interessante Assoziation, auf die ich nie gekommen wäre. Aber weiter gedacht, wäre das dann die Erkenntnis, dass man wirklich verantwortlich IST, weil der Vater(-Gott) eh nur eine Phantasie und ein Wunschtraum war? Dann wären wir wieder an der Stelle, wo Christentum und Atheismus (und Patriarchatskritik) zusammenkommen?

      1. Aus dem Buchtext:
        „…Und sie vergessen, dass man in niemandes Klauen ist, wenn man in deinen Armen ist.“
        Daraus spricht eins ganz deutlich, wie ich finde:
        Das Gefühl, geborgen oder aufgehoben zu sein „in etwas“ – möglicherweise in Gott oder etwas, was Menschen so oder so ähnlich nennen.
        Etwas, dass grösser ist als alles, das wir uns vorstellen können, etwas, vor oder neben dem sogar die eigene Existenz unwichtig wird.
        Wenn man sich klar macht, dass solch ein Gefühl ganz unabhängig von etwas ist (oder sein kann), was wir „Gott“ nennen, dann gibt es überhaupt kein Problem zwischen Atheismus und religiösem Glauben.
        @Antje:
        Ob „Gott“ einer Vorstellung/Phantasie entspringt oder nicht, finde ich eigentlich unwichtig, da die Erlebnisse der Menschen ja statt finden. Mit oder ohne Gott, sie sind authentisch und werden individuell, real und körperlich erlebt.
        Problematisch wird es erst, wenn die einen den anderen ihre Erlebnisse absprechen oder sie anzweifeln, sich eine eigene Deutungshoheit anmaßen oder sich Privilegien und Hoheitsrechte zuteilen. Das machen Menschen aber dauernd, nicht nur mit „Gott“.
        Total anstrengend.

        Ich kann auch verstehen, dass @benni_b diese Assoziation mit dem Kind hat, welches versucht, zu verhindern, dass der Vater die Familie verlässt oder sich eben die Verantwortung dafür auflädt oder glaubt, das tun zu müssen.
        Die Geborgenheit zu verlieren, das macht Angst.
        Verlassen werden ist ein elementares Gefühl, was jeder Mensch irgendwann im Leben macht.
        Manche sagen ja, die Geburt sei der erste Verlust-Schock, da man die Geborgenheit des Mutterleibs verlässt/verliert, und den Rundum-Schutz verliert.
        Vielleicht hören wir deshalb nicht auf, zu suchen…nach Geborgenheit und „Eins-Sein“ mit etwas? Nur so eine Idee.
        Nicht wenige Leute erleben ja sogar einen Verlust von Gott oder ihrem Glauben, wenn sie z.B. jemanden verlieren, den „Gott“ nicht retten konnte. Das ist dann sogar doppelter Verlust, der verkraftet werden will.
        Ich finde, die Autorin schildert ziemlich eindrücklich, wie es sein kann, wenn Menschen mit ihrem Glauben hadern oder spüren, dass da Grenzen auftauchen.
        Und sie sieht klar darin, dass Gott nicht dafür da ist, unsere Probleme zu lösen – ja, dass Menschen eben allein verantwortlich sind für das, was sie tun.
        Und sie kann sich nicht dafür verbürgen, dass er sie nicht verlässt. Damit schiebt sie (mein Eindruck) natürlich ein bisschen die Verantwortung auf „Gott“ ab, da sie es ja ist, die zweifelt und sich fragt, ob ihre Glaubenskraft noch ausreicht – um ihn zu halten, zu „nähren“…

  3. Mit der Allmacht Gottes in dieser Welt (die Einschränkung ist mir an der Stelle durchaus wichtig) habe ich es auch nicht so, denn dann müsste ich ihm/ihr ja allerlei Böses unterstellen. Sehe Gott auch nicht so sehr als Baumeister oder gar Zampano, sondern mehr als Gärtner, der etwas pflanzt, hegt und pflegt.
    Der Satz „Gott kann uns nicht helfen“ gefällt mir zwar in seiner provokanten Art. Ich würde es aber selbst nicht so ausschließlich sehen. Habe eher das Bedürfnis, ein leises „Doch, machmal schon“ zu ergänzen. 😉

  4. Ich glaube nicht, dass sie – zumindest nicht an dieser Stelle – den Körper an sich geringschätzt, sondern eher darauf hinaus will, dass diejenigen Körper, in denen Gott nicht wohnt, Behausungen für nichts als Ängste usw. sind

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