Antjes Gottesbeweis

Gottesbeweise gibt es bekanntlich viele, und ich habe nie verstanden, warum. Erst neulich wieder geisterte eine Meldung durch die Presse, wonach irgendein Computerprogramm irgendeinen Gottesbeweis bestätigt hätte (oder so ähnlich, ich habe versucht, zu verstehen, worum es dabei geht, es ist mir nicht gelungen).

Die Faszination für die Frage, ob man Gott beweisen oder widerlegen kann, ist, soweit ich sehe, eine, die sehr viel mehr Männer als Frauen haben. Mir ist jedenfalls keine Frau bekannt, die den Versuch eines Gottesbeweises unternommen hätte – falls doch, bitte gerne in die Kommentare schreiben!

Jedenfalls dachte ich, es ist höchste Zeit für einen feministischen Gottesbeweis, und voilà:

1. Sehr viele Menschen benutzen das Wort „Gott“.
2. Offensichtlich bezeichnen sie damit etwas.
3. Dieses Etwas, das Menschen meinen, wenn sie „Gott“ sagen, ist Gott.
4. Ergo: Gott gibt es.

Klar, das ist ein bisschen ironisch, aber nur ein bisschen. Dass Sprache mit der Realität in einer Wechselwirkung steht und Konzepte „konstruiert“, sollte heutzutage eigentlich anerkannt sein. (Dass Gott nicht in einem innerweltlichen Sinne „existiert“ ist ohnehin klar, dazu schreibe ich vielleicht später nochmal was).

Aber klar, mein Gottesbeweis ist auch ein wenig ironisch, denn worum es mir geht ist, dass ich die Frage, ob man Gott beweisen kann oder nicht, für so überflüssig wie einen Kropf halte. Die interessanten inner-religiösen Auseinandersetzungen gehen nämlich nicht darum, ob es Gott gibt oder nicht, sondern darum, was „Gott“ will und welche Auswirkungen das für das menschliche Leben hat oder haben soll.

Ich glaube, das ist auch der Grund, warum es so wenig Theologinnen gibt, die sich in Gottesbeweisen versucht haben. Und ich vermute, dass es bei Atheistinnen ähnlich ist und die Gotteswiderlegung ebenso eine eher männliche Passion ist wie die Gottesbeweiserei.

Auf meiner Suche nach feministischen Atheismus-Theorien (auch hier bin ich für Hinweise in den Kommentaren dankbar) antwortete mir in einem atheistischen Forum eine Frau Folgendes:

Für Atheisten hat sich Religion einfach als große Illusion heraus gestellt. Ist diese erst einmal weggeploppt, bleibt das Leben übrig. Alles ist weiterhin da, ganz verschiedene politische Positionen sind weiterhin möglich zum Beispiel, nur eben ohne ein imaginäres Wesen namens Gott (so würde es ein Atheist formulieren). Atheismus verneint die Frage nach Gott, ohne alle anderen Fragen schon in irgendeiner Weise zu bejahen / zu beantworten.

Das fand ich deshalb sehr interessant, weil die Theologinnen, die ich kenne und studiert habe, (inklusive mir selber), es mit dem Konzept „Gott“ ganz ähnlich handhaben. Sie setzen „Gott“ ebenso selbstverständlich voraus wie diese Frau das „Nicht-Gott“, ohne die Notwendigkeit zu empfinden, etwas daran zu verteidigen oder zu beweisen. Ich persönlich könnte diesen Satz jedenfalls eins zu eins übernehmen und sagen:

Für religiöse Menschen hat sich Religion einfach als Tatsache herausgestellt. Ist diese erst einmal akzeptiert, bleibt das Leben übrig. Alles ist weiterhin da, ganz verschiedene politische Positionen sind weiterhin möglich zum Beispiel, nur eben mit einem Bezug auf etwas namens „Gott“ (so würde es eine Religiöse formulieren). Religion bejaht die Frage nach Gott, ohne alle anderen Fragen schon in irgendeiner Weise zu beantworten.

Natürlich kann man nun einwenden, dass alle Religionen ja doch konkrete Inhalte vertreten, dass es also für religiöse Menschen nicht möglich ist, ganz verschiedene politische Positionen zu vertreten. Aber ein Blick auf die Realität belehrt uns eines Besseren: Faktisch vertreten religiöse Menschen jede beliebige Position aus dem politischen und philosophischen Spektrum. Und andererseits schweben auch atheistische Menschen nicht in einem luftleeren Raum, auch sie gehören zu weltanschaulichen Strömungen, Gruppierungen, Kulturen, von deren Werten und Ansichten sie maßgeblich geprägt sind.

Jedenfalls: Wenn man Texte aus religiösen Traditionen verstehen will, muss man sich genau das klarmachen: Dass sie überwiegend in Kontexten entstanden sind, in denen das Konzept „Gott“ überhaupt nicht in Frage stand. Dass es „Gott“ gibt, war in diesen Kontexten selbstverständlich, umstritten war nur, was genau über Gott auszusagen wäre. Wer diese Diskussionen unter der Überschrift „Aber Gott gibt es doch gar nicht!“ liest, wird sie nicht verstehen und auch nichts Sinnvolles damit anfangen können.

Ebenso ist es andersrum auch bei gott-losen Debatten von heute (also solchen bei denen sich nicht auf das Konzept „Gott“ bezogen wird), und die sich zum Beispiel mit der Begründung von Werten oder moralischen Pflichten der Menschheit beschäftigen. Auch da ist es unsinnig, mit der Interpretationsfolie „Aber ohne Gott geht das doch nicht“ heranzugehen.

Offenbar kann man nämlich über die interessanten und wichtigen Fragen des menschlichen Lebens mit oder ohne Bezug auf Gott diskutieren, und beides ist für sich betrachtet sinnvoll und fruchtbar.

Nicht fruchtbar ist es hingegen, all die interessanten und wichtigen Fragen des menschlichen Lebens außen vor zu lassen und stattdessen darüber zu streiten, ob es Gott gibt oder nicht.

(Natürlich gibt es auch Gründe, warum ich selbst mich dafür entschieden habe, weiterhin das Konzept „Gott“ zu verwenden, aber das ist ein anderes Thema für einen anderen Blogpost.)

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9 Gedanken zu “Antjes Gottesbeweis

  1. „Dass Gott nicht in einem innerweltlichen Sinne „existiert“ ist ohnehin klar, dazu schreibe ich vielleicht später nochmal was.“
    Darauf bin ich sehr gespannt, weil mir Religion bisher immer so begegnet ist, als wäre Gott – an Ihrem Satz entlangformuliert – „innerweltlich existent“: Mir wurde der alte Mann mit dem Rauschebart präsentiert, der überall ist und alles mitkriegt. Ihr Satz gälte in dem Kontext bereits als atheistisch.
    Deshalb bezeichne ich selbst mich auch als Atheistin. Aber seit ich Ihre Blogs lese, habe ich den Verdacht, Sie werden mir bald meine Religiosität beweisen. Darauf freue ich mich, ganz ehrlich 🙂

  2. Gottesbeweise sind logische Beweise – und daher interessieren sich auch intelligente Atheisten für Gottesbeweise, weil das spannende Denkübungen für Logiker sind. Ob Gott existiert, folgt daraus nicht, genausowenig wie aus dem Schluss: „Wenn es regnet, ist die Strasse nass“ folgt, dass es jetzt regnet (hats heute in Wien tatsächlich, das ist aber eine empirische Feststellung).

  3. Ich habe heute mit einer Freundin über Gott gesprochen. Sie benutzt das Wort nicht sondern spricht von einer alles durchflutenden Energie, die zu Gleichgewicht, Harmonie strebt. Ich habe versucht herauszufinden warum mich dieses Bild stört, und bin auf die Abstraktheit und die irgendwie biologisch formulierte Determiniertheit gestoßen. Stattdessen gefällt mir an Gott das persönliche Gegenüber, das zwar außerweltlich ist, aber dennoch mit menschlichen Begriffen wie „Liebe“ zu tun hat. Letztlich haben wir aber festgestellt, dass wir einfach zwei verschiedene Vorstellungsarten von der selben „Kraft'“ bevorzugen. Beim Nachvollziehen dessen, was die jeweils andere meint, wenn sie über diese Kraft spricht, stört dieser Unterschied nicht.

  4. ich bin hier nur gelandet, da mich interessierte, warum du dich plötzlich für einen Gottesbeweis interessierst.. hinzuzufügen ist noch, dass es auch menschen gibt, wie mich, denen diese frage einfach egal ist, denn ob eine gott existiert hat für mein leben und handeln keine bedeutung. die spannenden diskussionen will ich trotzdem führen, egal ob religiös oder nicht. also eine agnostische (?) herangehensweise.

    1. @beya – Ja, das wäre wohl eine agnostische Herangehensweise. Sie unterscheidet sich von meiner, insofern ich im Alltag das Wort „Gott“ benutze (allerdings eben nicht, um über ihre Existenz zu sprechen), und damit mich auf bestimmte Konzepte meiner religiösen Tradition beziehe. Das kann dann zu Missverständnissen führen, wenn wir beide über die „interessanten Dinge“ diskutieren. Wenn ich zum Beispiel eine politische Aktion unter den Vorbehalt „mit Gottes Hilfe“ oder „so Gott will“ stelle, dann würdest du wahrscheinlich irritiert sein. Andere religiöse Menschen wüssten hingegen sofort, was ich meine. Das ist natürlich erstmal gar kein Problem, inhaltlich ist mir dieser Vorbehalt aber wichtig, zum Beispiel, wenn ich es mit politischen Aktivist_innen im Machbarkeitswahn zu tun habe. Aber wenn die mit dem Begriff „Gott“ nichts anfangen können, würde ich meinen Vorbehalt eben anders formulieren.

      1. @antje ja, es würde mich irritieren und ich würde aber auch sofort verstehen, was du meinst. warum ist es dir inhaltlich wichtig dich auf ein so klar patrarchal strukturierte tradition zu beziehen? wie du selbst sagst kann machbarkeitswahn auch ohne das wort gott in frage gestellt werden?

      2. @beya – Die religiöse Tradition ist sicher patriarchal strukturiert, aber nicht nur. Sie enthält genauso viele freiheitliche und feministische Anteile, einfach deshalb, weil vor der Säkularisierung es ja gar nichts anderes gab, das heißt, auch alle Frauen und Feministinnen, die sich damals geäußert haben, haben das Wort „Gott“ benutzt. Die würden wir auch aus „unserer“ Tradition ausschließen.

        Andererseits halte ich es für eine Illusion, zu glauben, es gäbe überhaupt irgendwelche Traditionen, auf die wir uns berufen können, die nicht patriarchal sind. Wissenschaft und Aufklärung waren mindestens ebenso patriarchal wie Religion, nur dass sie es bis heute oft nicht wahrhaben wollen und reflektieren wollen (sie halten sich ja für „neutral“ und „objektiv“). Im Hinblick auf weltanschauliche Systeme bin ich der Meinung, es hat keinen Sinn, sie in „patriarchale“ und „nicht patriarchale“ zu unterteilen, sondern nur zwischen den jeweils freiheitlichen Anteilen und den patriarchalen Anteilen zu unterscheiden.

  5. Hallo!
    Gottesbeweise im naturwissenschaftlichen Sinn – ganz egal ob man als Gläubiger Mensch oder als Atheist oder Agnostiker einen versuchen will – scheitern einfach daran, dass wir schlicht und einfach keine endgültige Definition, geschweige denn eine ausformulierte, falsifizierbare Hypothese von dem haben, was „Gott“ sein soll.
    Siehe z.B. den Kommentar von Lea_M.

    Ob die Frage nach der Existenz oder gar des Beweises eines Gottes eher Männer oder Frauen umtreibt weiss ich nicht. Wie die Interessenverteilung diesbezüglich speziell in theologischen Kreisen aussieht weiss ich erst recht nicht, aber das wäre doch mal eine interessante Untersuchung 😉
    Ich halte ein nach wissenschaftlichen Standards nicht-definierbares Konzept (s.o.) weder für beweisbar noch für widerlegbar…das ist meine subjektive Einschätzung.
    Vor diesem Hintergrund kann es weder einen Beweis noch einen Nicht-Beweis für Gott geben und es macht auch gar keinen Sinn, danach zu suchen.
    Wie gesagt, rein naturwissenschaftlich betrachtet jedenfalls.

    Die Frage ist eben, ob unter dieser Betrachtung der sogenannte „Gottesbeweis“ von Gödel überhaupt als wissenschaftlicher Nachweis betrachtet werden kann – es ist einfach das Gedankenspiel eines Logikers, denn schon die Grundannahme, dass „Gott“ alle positiven Eigenschafen auf sich vereint, stellt keine überprüfbare Hypothese dar – da müssten dann noch ein paar konkretere Angaben gemacht werden, und solche fehlen.
    Wie gesagt, es geht in dem „Beweis“ um Logik, und „positiv“ hat in diesem Zusammenhang nichts mit unserer Alltags-Zuschreibung von positiv zu tun.
    Tauscht einfach das Wort Gott mit Teufel, und schon ist dort der „Teufelsbeweis“ auf dem Papier oder im Supercomputer… 😉

    Ich glaube aber dennoch, die Frage nach der Existenz (vs. der Nicht-Existenz) eines „göttlichen Wirkens“ ist so existenziell (ob sie hingegen sinnvoll ist, muss jeder selbst für sich rausfinden) wie die Frage danach, ob es eine Seele gibt (oder vielleicht auch nicht) und wo diese sein könnte. Deshalb wird sich auch immer wieder der Kopf drüber zerbrochen.
    Schaut man in die Historie, ist zum Beispiel die Seele vom Bauch über das Herz in`s Gehirn gewandert, aber so richtig gefunden hat sie noch keiner 😉
    Von der Seele hat man eben genauso wenig ein eindeutiges/einheitliches Konzept wie für Gott – weder in der subjektiven, kulturell so verschieden geprägten Alltagswelt, noch in den Wissenschaften.
    Aber danach fragen und suchen, das tut Menschen irgendwie immer…genauso ist es mit so etwas wie „Gott“ oder „göttlichem Wirken“.

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