Archiv für den Monat September 2013

Gott kann uns nicht helfen, aber wir ihr_ihm

Mit der Allmacht Gottes habe ich es ja nicht so, zumindest driftet diese Vorstellung vom Allmächtigen leicht in Zerbilder des großen Zampanos ab, der irgendwo sitzt und macht, wozu er gerade Lust hat (oder was er jeweils für gerecht findet).

Deshalb freute es mich, als ich neulich mal wieder in dem Buch „Das denkende Herz“ von Etty Hillesum las, dass ich diese Stelle fand, die ich hier mal festhalte:

Es sind schlimme Zeiten, mein Gott. Heute nacht geschah es zum erstenmal, dass ich mit brennenden Augen schlaflos im Dunkeln lag und viele Bilder menschlichen Leidens an mir vorbeizogen. Ich verspreche dir etwas, Gott, nur eine Kleinigkeit: ich will meine Sorgen um die Zukunft nicht als beschwerende Gewichte an den jeweiligen Tag hängen, aber dazu braucht man eine gewisse Übung. Jeder Tag ist für sich selbst genug. Ich will dir helfen, Gott, dass du mich nicht verlässt, aber ich kann mich von vornherein für nichts verbürgen. Nur dies eine wird mir immer deutlicher: dass du uns nicht helfen kannst, sondern dass wir dir helfen müssen, und dadurch helfen wir uns letzten Endes selbst. Es ist das einzige, auf das es ankommt: ein Stück von dir in uns selbst zu retten, Gott. Und vielleicht können wir mithelfen, dich in den gequälten Herzen der anderen Menschen auferstehen zu lassen. Ja, mein Gott, an den Umständen scheinst auch du nicht viel ändern zu können, sie gehören nun mal zu diesem Leben. Ich fordere keine Rechenschaft von dir, du wirst uns später zur Rechenschaft ziehen. Und mit fast jedem Herzschlag wird mir klarer, dass du uns nicht helfen kannst, sondern dass wir dir helfen müssen und deinen Wohnsitz in unserem Inneren bis zum Letzten verteidigen müssen. Es gibt Leute, es gibt sie tatsächlich, die im letzten Augenblick ihre Staubsauger und ihr silbernes Besteck in Sicherheit bringen, statt dich zu bewahren, mein Gott. Und es gibt Menschen, die nur ihren Körper retten wollen, der ja doch nichts anderes mehr ist als eine Behausung für tausend Ängste und Verbitterung. Und sie sagen: Mich sollen sie nicht in ihre Klauen bekommen. Und sie vergessen, dass man in niemandes Klauen ist, wenn man in deinen Armen ist. Ich werde allmählich wieder ruhiger, mein Gott, durch dieses Gespräch mit dir. Ich werde in der nächsten Zukunft noch sehr viele Gespräche mit dir führen und dich auf diese Weise hindern, mich zu verlassen. Du wirst wohl auch karge Zeiten in mir erleben, mein Gott, in denen mein Glaube dich nicht so kräftig nährt, aber glaube mir, ich werde weiter für dich wirken und dir treu bleiben und dich nicht aus meinem Inneren verjagen.

(aus: Das denkende Herz. Die Tagebücher von Etty Hillesum 1941-1943, Rowohlt 2006, S. 149f).

Ich frage mich manchmal, da ich ja nicht in solchen Umständen wie Etty Hillesum lebe, ob ich zu so einer Haltung fähig wäre, wenn ich wüsste, dass mich die Nazis vermutlich demnächst in ein Konzentrationslager deportieren würden. Ich bin mir auch nicht so sicher, ob ich Hillesums Geringschätzung des Körpers teile, aber ich kann es nicht beurteilen, weil mein Körper noch nie so in Gefahr war wie der ihre damals.

Aber ich finde die Klarheit beeindruckend, wie sie hier die Bedürftigkeit Gottes beschreibt.

Und vielleicht ist es auch ein gutes Beispiel auf die Fragen, die in den Kommentaren zu meinem Blogpost neulich aufgekommen sind, wie es denn möglich sei, mit der UVL ein Gespräch zu führen. So wie sie das macht eben.

PS: Lesenswert zum Thema Allmacht ist auch der entsprechende Abschnitt aus Ina Praetorius‘ Auslegung des Glaubensbekenntnisses.

Warum Gott nicht existiert

Ein gängiger Einwand gegen Religion ist der, die Leute hätten sich das mit Gott ja nur ausgedacht, aber in Wahrheit würde Gott gar nicht existieren. Keine Ahnung, war es nicht Feuerbach oder so, der dieses geniale Argument populär gemacht hat?

Nun ja, im 19. Jahrhundert mag ich das vielleicht noch gelten lassen, aber wie so ein Einwand in post-konstruktivistischen Zeiten immer noch erhoben werden kann, ist mir schleierhaft. Wobei, ich möchte gar nicht so sehr die Atheist_innen kritisieren, deren Einwand ja lediglich ein Spiegel der Behauptung vieler Religiöser ist, Gott würde sehr wohl existieren, und die dafür allerlei Wunder und sonstiges Brimborium anführen.

Aber inzwischen müsste sich doch herumgesprochen haben, bei den Religiösen ebenso wie bei den Nicht-Religiösen, dass wir Menschen uns praktisch alles, was zur Kultur gehört, nur ausgedacht haben. Geschlecht zum Beispiel ja auch. Warum also nicht Gott?

„Ausgedacht“ im Lichte der linguistischen Wende in den Kulturwissenschaften bedeutet eben nicht „einfach nur zusammenphantasiert“. Um Kulturen zu verstehen, muss man die Konzepte ihres Denkens verstehen, und die Begriffe, die sie dabei benutzen, sind nicht nur die bloße Abbildung der Realität, sondern konstruieren diese gleichzeitig auch. Wie ich ja in meinem Gottesbeweis argumentierte: Gott ist das, was die Leute meinen, wenn sie „Gott“ sagen.

Wenn man sich nun aber anschaut, was die Leute meinen, wenn sie „Gott“ sagen, so ist das bei allen Unterschieden im Detail immer der Verweis auf etwas, das das Innerweltliche übersteigt. „Gott“ wird gesagt, wenn man mit dem, was auf dieser Welt existiert, nicht weiterkommt.

Und genau deshalb kann Gott gar nicht „existieren“. Alles, was existiert, ist nämlich logischerweise ein Teil dieser Welt, innerweltlich – und damit also gerade nicht Gott.

Damit ist nicht nur gemeint, dass Gott keine wissenschaftlich-materiell nachweisbare Existenz haben kann, das wäre sozusagen noch nichts Besonderes. Das Tolle an Sprache und das, was den Menschen als sprachbegabte Wesen auszeichnet, ist die Tatsache, dass sie jede Menge Dinge hervorbringen können, die „als Materie“ gar nicht existieren. Gott ist da bei weitem nicht allein: Auch Liebe, Gerechtigkeit, Freiheit sind solche von Menschen erfundenen Konzepte, die aber trotzdem höchst real sind und über die man lange und interessante Diskussionen führen kann. Und auch wenn Liebe, Gerechtigkeit und Freiheit nicht „existieren“, so hat es doch eine enorme Auswirkung auf die Welt, ob Menschen daran „glauben“ oder nicht.

Gott hingegen existiert sozusagen noch viel weniger, denn während Liebe, Gerechtigkeit, Freiheit und dergleichen nach rein innerweltlichen Maßstäben begutachtet und besprochen werden können (auch wenn sie, wie ich meine, allesamt transzendente Anteile haben), so ist Gott genau der Begriff, der aussagt, dass das allein nicht ausreicht. Von „Gott“ zu sprechen, bedeutet, eine „Leerstelle des Unverfügbaren“ zu bezeichnen.

Das muss man natürlich nicht machen, aber denjenigen, die das machen, entgegenzuhalten, Gott würde doch gar nicht existieren, ergibt keinerlei Sinn. Denn das ist ja gerade der Punkt.

Antjes Gottesbeweis

Gottesbeweise gibt es bekanntlich viele, und ich habe nie verstanden, warum. Erst neulich wieder geisterte eine Meldung durch die Presse, wonach irgendein Computerprogramm irgendeinen Gottesbeweis bestätigt hätte (oder so ähnlich, ich habe versucht, zu verstehen, worum es dabei geht, es ist mir nicht gelungen).

Die Faszination für die Frage, ob man Gott beweisen oder widerlegen kann, ist, soweit ich sehe, eine, die sehr viel mehr Männer als Frauen haben. Mir ist jedenfalls keine Frau bekannt, die den Versuch eines Gottesbeweises unternommen hätte – falls doch, bitte gerne in die Kommentare schreiben!

Jedenfalls dachte ich, es ist höchste Zeit für einen feministischen Gottesbeweis, und voilà:

1. Sehr viele Menschen benutzen das Wort „Gott“.
2. Offensichtlich bezeichnen sie damit etwas.
3. Dieses Etwas, das Menschen meinen, wenn sie „Gott“ sagen, ist Gott.
4. Ergo: Gott gibt es.

Klar, das ist ein bisschen ironisch, aber nur ein bisschen. Dass Sprache mit der Realität in einer Wechselwirkung steht und Konzepte „konstruiert“, sollte heutzutage eigentlich anerkannt sein. (Dass Gott nicht in einem innerweltlichen Sinne „existiert“ ist ohnehin klar, dazu schreibe ich vielleicht später nochmal was).

Aber klar, mein Gottesbeweis ist auch ein wenig ironisch, denn worum es mir geht ist, dass ich die Frage, ob man Gott beweisen kann oder nicht, für so überflüssig wie einen Kropf halte. Die interessanten inner-religiösen Auseinandersetzungen gehen nämlich nicht darum, ob es Gott gibt oder nicht, sondern darum, was „Gott“ will und welche Auswirkungen das für das menschliche Leben hat oder haben soll.

Ich glaube, das ist auch der Grund, warum es so wenig Theologinnen gibt, die sich in Gottesbeweisen versucht haben. Und ich vermute, dass es bei Atheistinnen ähnlich ist und die Gotteswiderlegung ebenso eine eher männliche Passion ist wie die Gottesbeweiserei.

Auf meiner Suche nach feministischen Atheismus-Theorien (auch hier bin ich für Hinweise in den Kommentaren dankbar) antwortete mir in einem atheistischen Forum eine Frau Folgendes:

Für Atheisten hat sich Religion einfach als große Illusion heraus gestellt. Ist diese erst einmal weggeploppt, bleibt das Leben übrig. Alles ist weiterhin da, ganz verschiedene politische Positionen sind weiterhin möglich zum Beispiel, nur eben ohne ein imaginäres Wesen namens Gott (so würde es ein Atheist formulieren). Atheismus verneint die Frage nach Gott, ohne alle anderen Fragen schon in irgendeiner Weise zu bejahen / zu beantworten.

Das fand ich deshalb sehr interessant, weil die Theologinnen, die ich kenne und studiert habe, (inklusive mir selber), es mit dem Konzept „Gott“ ganz ähnlich handhaben. Sie setzen „Gott“ ebenso selbstverständlich voraus wie diese Frau das „Nicht-Gott“, ohne die Notwendigkeit zu empfinden, etwas daran zu verteidigen oder zu beweisen. Ich persönlich könnte diesen Satz jedenfalls eins zu eins übernehmen und sagen:

Für religiöse Menschen hat sich Religion einfach als Tatsache herausgestellt. Ist diese erst einmal akzeptiert, bleibt das Leben übrig. Alles ist weiterhin da, ganz verschiedene politische Positionen sind weiterhin möglich zum Beispiel, nur eben mit einem Bezug auf etwas namens „Gott“ (so würde es eine Religiöse formulieren). Religion bejaht die Frage nach Gott, ohne alle anderen Fragen schon in irgendeiner Weise zu beantworten.

Natürlich kann man nun einwenden, dass alle Religionen ja doch konkrete Inhalte vertreten, dass es also für religiöse Menschen nicht möglich ist, ganz verschiedene politische Positionen zu vertreten. Aber ein Blick auf die Realität belehrt uns eines Besseren: Faktisch vertreten religiöse Menschen jede beliebige Position aus dem politischen und philosophischen Spektrum. Und andererseits schweben auch atheistische Menschen nicht in einem luftleeren Raum, auch sie gehören zu weltanschaulichen Strömungen, Gruppierungen, Kulturen, von deren Werten und Ansichten sie maßgeblich geprägt sind.

Jedenfalls: Wenn man Texte aus religiösen Traditionen verstehen will, muss man sich genau das klarmachen: Dass sie überwiegend in Kontexten entstanden sind, in denen das Konzept „Gott“ überhaupt nicht in Frage stand. Dass es „Gott“ gibt, war in diesen Kontexten selbstverständlich, umstritten war nur, was genau über Gott auszusagen wäre. Wer diese Diskussionen unter der Überschrift „Aber Gott gibt es doch gar nicht!“ liest, wird sie nicht verstehen und auch nichts Sinnvolles damit anfangen können.

Ebenso ist es andersrum auch bei gott-losen Debatten von heute (also solchen bei denen sich nicht auf das Konzept „Gott“ bezogen wird), und die sich zum Beispiel mit der Begründung von Werten oder moralischen Pflichten der Menschheit beschäftigen. Auch da ist es unsinnig, mit der Interpretationsfolie „Aber ohne Gott geht das doch nicht“ heranzugehen.

Offenbar kann man nämlich über die interessanten und wichtigen Fragen des menschlichen Lebens mit oder ohne Bezug auf Gott diskutieren, und beides ist für sich betrachtet sinnvoll und fruchtbar.

Nicht fruchtbar ist es hingegen, all die interessanten und wichtigen Fragen des menschlichen Lebens außen vor zu lassen und stattdessen darüber zu streiten, ob es Gott gibt oder nicht.

(Natürlich gibt es auch Gründe, warum ich selbst mich dafür entschieden habe, weiterhin das Konzept „Gott“ zu verwenden, aber das ist ein anderes Thema für einen anderen Blogpost.)

Religion geht auch ohne Spiritualität

(Dies ist ein Crosspost von Evangelisches Frankfurt)

Spiritualität scheint heute fast ein Zauberwort zu sein, unter dem sich Religion gut vermarkten lässt: Was sind schon intellektuelle Predigten, die nüchtern von Kanzeln gesprochen werden, im Vergleich zu schönen Ritualen, die Körper und Sinne einbeziehen? Was sind theologische Argumentationen im Vergleich zu Übungen, die die Gegenwart von etwas „Höherem“ auf eine Weise spüren lassen, die für den Intellekt nicht zu fassen ist?

Längst haben auch evangelische Gemeinden viel „Spirituelles“ im Angebot, und die große Resonanz, auf die das beim Publikum stößt, scheint dem Trend Recht zu geben. Allen, die auf diese Weise religiöse Einsichten haben und Erfahrungen von Gottesnähe machen, sei das herzlich gegönnt. Aber was spricht eigentlich dagegen, vorwiegend mit Hilfe des „Kopfes“ – also mit Vernunft und Verstand – an Religion heranzugehen? Gar nichts!

Niemand muss sich für religiös unbegabt halten, nur weil ihr oder ihm die Lust auf spirituelle Übungen abgeht.Zumal der Trend, intellektuelle Frömmigkeit und Glauben durch Spiritualität zu ersetzen, auch die Gefahr einer gewissen Denkfaulheit birgt: Wer die eigene Gottesgewissheit durch spirituelle Einsichten und nicht durch Nachdenken und Diskutieren gewonnen hat, braucht darüber nicht zu argumentieren. Die anderen können das ja ohnehin nicht nachvollziehen. Doch so entfernt sich Religion immer mehr aus dem gesellschaftlichen Diskurs. Sie wird etwas Mysteriöses, über das zu streiten sich gar nicht lohnt.

Dass es auf der Welt Dinge gibt, die mit den Mitteln der menschlichen Vernunft nicht hinreichend beurteilt werden können, Phänomene, die wir Menschen nicht im Griff haben, denen wir aber dennoch unterworfen sind – das ist keine spirituelle Erkenntnis, sondern eine intellektuelle. Fromme Menschen nennen diese Leerstelle des Unverfügbaren „Gott“, sie rechnen mit ihr und schöpfen dabei aus einer reichen religiösen Tradition, die wertvolles Wissen dazu bereithält. Sie diskutieren mit anderen und denken darüber nach, was daraus für ein gutes Leben für alle auf dieser Welt folgt. Und sie setzen sich für eine Gesellschaft ein, in der nicht Machbarkeitswahn und Wissenschaftsgläubigkeit an Gottes Stelle treten.

Und damit sind sie fromme und gläubige Menschen – auch wenn sie in ihrem ganzen Leben noch kein einziges spirituelles Erlebnis hatten und darauf auch keinen gesteigerten Wert legen.