Das Leben Jesu als Seifenoper

Den Jesus-Thriller „Zealot“ von Reza Aslan, der in den USA heftige Diskussionen ausgelöst hat (wenn auch unter der eher gagaesken Fragestellung, ob ein Muslim überhaupt ein Buch über Jesus schreiben darf), habe ich tatsächlich in einer Woche durchgelesen. Wirklich ein spannendes Buch, mir gefällt es, wenn „trockene“ Themen unterhaltsam und dabei doch inhaltlich nicht flach aufbereitet werden.

Aslan präsentiert „The Life of Jesus“, seine Hinrichtung am Kreuz und die ersten Jahrzehnte danach in Form einer Soap-Opera, mit Intrigen, Emporkömmlingen, Attentaten und politischen Verwicklungen. Das ist nicht nur unterhaltsam, sondern auch informativ. Zum Beispiel kriegt man all diese „Messiasse“, die es damals gegeben hat und von denen im Theologiestudium immer nur so vage die Rede war, mal persönlich im Detail vorgestellt. Auch die politische Lage in der damaligen römischen Provinz Palästina wird anschaulich, und auch die dabei relevanten Persönlichkeiten von Pilatus über Herodes bis zu Kaiaphas.

Die These, die Aslan dabei plausibel machen will, ist theologisch gesehen nicht ganz taufrisch: Der sozialrevolutionäre und von seinen Anhänger_innen als Messias identifizierte, aus bäuerlichem Milieu stammende Jude Jesus von Nazareth wurde später vor allem von Paulus zum universalen Erlöser uminterpretiert, zu „Jesus Christus“ nämlich. Während es Jesus von Nazareth um ein vor allem sozialpolitisches Programm zugunsten der Armen und zur Rettung einer „jüdischen“ Unabhängigkeit und Befreiung von der römischen Okkupation gegangen sei, durchaus auch in religiösen Dingen, habe Paulus eine weltweite Religion stiften wollen, die sich mit dem römischen Reich irgendwie arrangiert. Dabei wird Paulus vor allem als Gegenspieler zur Jerusalemer Jesus-Gruppe um Jakobus, den leiblichen Bruder von Jesus, stilisiert. Ist als Grundidee soweit ich weiß schon vor hundert Jahren diskutiert worden.

Unterm Strich lautet Aslans Botschaft: Das Christentum hat die ursprüngliche Intention des Jesus von Nazareth verlassen und sich ein ganz eigenes Glaubenssystem gebacken, das mit den historischen Ereignissen zu Jesu Lebzeiten kaum noch was zu tun hat. Natürlich leidet auch Aslans Argumentation dabei unter dem simplen Umstand, dass über den historischen Jesus von Nazareth praktisch nichts bekannt ist außer dem Umstand, dass er gelebt hat, höchstwahrscheinlich aus einem Kaff namens Nazareth stammte und von den Römern gekreuzigt wurde, was darauf schließen lässt, dass diese ihn für einen politischen Aufrührer hielten.

Alles andere ist in halt notwendigerweise Spekulation, und das ist auch nicht weiter schlimm: Warum sollte nicht historische Forschung auch mal ein bisschen plausibel spekulieren, so lange es im Rahmen dessen bleibt, was die Quellen hergeben.

Allerdings sehe ich bei Aslan da in dem Bemühen, trotz magerer Faktenlage eine konsistente Story zu konstruieren, einige methodische Schwächen: Dass die Römer Jesus für einen politischen Aufrührer hielten heißt ja zum Beispiel nicht, dass er auch tatsächlich einer war – es soll ja schon vorgekommen sein, dass Gewaltregime, wie das römische Reich sicher eines war, Leute zu Unrecht verurteilt haben. Auch kann man aus zeitgenössischen Erwartungen zum Thema „Messias“ nicht unbedingt schließen, dass der historische Jesus diese teilte – es soll ja auch schon Individuen gegeben haben, die bestimmte Dinge anders gesehen haben, als sie zu ihrer Zeit mehrheitlich gesehen wurden.

Eine andere problematische Interpretation ist, dass Aslan ziemlich klare Grenzen zieht, welche religiösen Ansichten „noch jüdisch“ sind (Jesus und die Jerusalemer Gruppe) und welche „ganz klar nicht mehr jüdisch sind“ (Paulus). Eine befreundete Neutestamentlerin, mit der ich mich darüber unterhielt, sagte mir, dass man heutzutage eigentlich davon ausgeht, dass „Judentum“ damals eine sehr viel pluralere Angelegenheit war, als es im Rückblick scheinen mag. Manche gehen sogar davon aus, dass das „Judentum as we know it“ sich selbst erst nach der Tempelzerstörung im Jahr 70 n.Chr. beziehungsweise der gänzlichen Zerstörung Jerusalems in der Mitte des 2. Jahrhunderts herausgebildet hat, also sozusagen parallel und zeitgleich zum Christentum. Beides, (rabbinisches) Judentum und Christentum wären sozusagen zwei Strömungen, die auf diese Ereignisse reagieren und sie unterschiedlich verarbeiten. Jedenfalls ist es schwierig, zu behaupten, Paulus (der im Jahr 64 n.Chr. von den Römern hingerichtet wurde, also lange vor der Tempelzerstörung) wäre „nicht mehr jüdisch“ gewesen. Das ist vielmehr eine spätere, antijudaistische Konstruktion christlicher Theologen gewesen.

Darüber hinaus wirft das Buch aber noch interessantere Fragen auf. Es zeigt nämlich, wie stark die Idee des „Ursprungs“, der „reinen Quelle“, des „Originals“ in unserer Kultur ist. Gerade Religionen werden oft als bloße Hinterlassenschaften eines (praktisch immer männlichen) „Religionsstifters“ verstanden – wobei sie doch eigentlich Gemeinschaftsproduktionen von Bewegungen sind, in sich plural und über die Zeit hinweg sich dauernd verändernd. Damit zusammen hängt die Idee, es gäbe „richtigen“ und „falschen“ Glauben, wobei dann Richtig und Falsch noch nicht einmal für sich stehen, sondern am Maßstab des „Kommt dem, was der Religionsstifter wollte, am nächsten“ gemessen werden. Wieso eigentlich?

Dazu werde ich demnächst nochmal ausführlicher was schreiben.

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6 Gedanken zu “Das Leben Jesu als Seifenoper

  1. Ist das mit 64 n. und der Hinrichtung des Paulus heute einigermaßen anerkannt? Was meint deine NT Freundin. Habe fast nur Paulus studiert und damals galt, seine Spuren verlieren sich irgendwann (vermutlich, vielleicht, keiner weiß es in Rom irgendwann in Mitte der sechziger.
    Vielen Dank fürs Lesen und darüber schreiben!

    1. @Knuut – Das kann ich sie nochmal fragen, über die Art seines Todes haben wir nicht gesprochen 🙂 _ kann ich sie ja bei Gelegenheit nochmal fragen. Jedenfalls ist wohl klar, dass Paulus vor der Tempelzerstörung gewirkt hat.

      1. Will sagen: Sie argumentierte vor allem, dass es Quatsch ist, in Paulus eine „Wegbewegung vom Judentum“ zu sehen, sondern dass seine Theologie durchaus im Rahmen dessen ist, was damals „jüdisches“ Spektrum war. Speziell sagte sie, dass jede einzelne Komponente seiner Theologie auch in anderen jüdischen Quellen und Debatten zu finden sei, auch „Sohn Gottes“ zum Beispiel (Das ist ein Argument, das Aslan besonders stark macht, dass es „im Judentum“ Anathema gewesen sei, einen Menschen als Sohn Gottes zu bezeichnen).

  2. Ja, danke für die Besprechung. Da habe ich auch das Gefühl, dass ich es nicht mehr selbst lesen muss – zu oft schon angeblich neueste Entdeckungen zu …. (zB Jesus oder Urchristen…) gelesen. Da wollen manche alles plötzlich so genau wissen, was alle andern bisher angeblich übersahen.
    Trotzdem, zur Ergänzung genannt: Geschichtliche Kontur, Zeitcolorit und Anschaulichkeit (gegenüber oft etwas papierenen Analysen von Theologen) bekommt man auch bei Pinchas Lapide mit – der, den du nicht so magst wegen der Entfeindungsliebe. Aber er zechnet relativ konkret geschichtliche Gestalten jener Zeit nach – andere Bewegungen, die da in der Zeit vor der Tempelzerstörung virulent waren.
    Noch was anderes: Mit am wertvollsten finde ich den Schluss-Abschnitt mit der Frage, warum so viele auf die Entsprechung/Treue zum Original fixiert sind. Da möcht ich auch dran weiter denken.
    Ja und inhaltlich zu Paulus – Juden: Paulus verstand sich wohl schon als Jude; er hat die Spaltung so direkt nicht beabsichtigt, aber der Weg, den er beschritt, hat doch konsequenterweise zur Spaltung geführt. Er sagte eben Dinge, die in der damalige Vielfalt jüdischen Denkens schon auch denkbar waren, aber *dann in Krisensituationen* (Tempelzerstörung ff) zu Mitteln der Abgrenzung wurden. Da denke ich weniger an „Gottessohn“ (vgl. dazu den unbestreitbar jüdischen Gedanken in Psalm 2,7), eher an die Stellung zur Thora („Gesetz“): Beschneidung, Speisegebote ff. In Krisensitutionen wird es dringlicher zur Unterscheidung: Wer gehört dazu (auf wen ist Verlass?) und mit wem wollen wir uns nicht verwechseln lassen – dass wir nicht mit ‚denen da‘ mitverfolgt werden? Dass das Judentum dann nicht mehr nach so vielen Seiten offen war, hängt ja wohl auch mit dem Erstarken der christlichen Gemeinden zusammen.

    1. @Hermann – ja genau. Auch Paulus ist eben nicht das geniale Genie am Anfang, sondern maßgeblich war, wie seine Überlegungen dann später, nach der Tempelzerstörung, aufgegriffen und weiterentwickelt wurden. Inwiefern das mit den Gesetzen wirklich so speziell war, bin ich mir nicht sicher, es gibt ja auch innerjüdisch Strömungen, die das nicht so streng sehen.

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