Um Gottes Willen

Letzte Woche kam ein Interview in meine Timeline, in dem der katholische Kirchenrechtler Norbert Lüdecke erklärt, mit welch atemberaubender Logik katholische Argumentation funktioniert, das fand ich ganz interessant.

Vor allem diesen Satz möchte ich hervorheben:

Dass Frauen aufgrund ihrer Weiheunfähigkeit gottgewollt niemals verbindlich in der Kirche lehren noch Gesetze erlassen können, also durch die spezifisch kirchliche Entscheidungsgewalt die Identität der Kirche mitbestimmen können, ist in kirchlicher Sicht keine Diskriminierung.

Dabei geht es mir vor allem um das Wort „gottgewollt“. Ich kann nämlich nicht verstehen, wie Vertreter religiöser Organisationen (das Ganze ist ja nicht nur ein katholisches Phänomen) nicht sehen können, dass sie in dem Moment, wo sie ihre eigenen Ansichten und Beschlüsse mit dem Adjektiv „gottgewollt“ versehen, das ganze Konzept „Gott“ selbst ad absurdum führen.

Der Witz an „Gott“ ist doch gerade, dass hier ein Begriff gefunden wird für den Umstand, dass es Dinge gibt, die für die Menschen unverfügbar sind. „Gott“ ist ein Wort, das bedeutet: Nicht alles liegt in unserer Hand, nicht alles können wir verstehen und nachvollziehen, es gibt eine Ordnung, die die weltliche Ordnung übersteigt, die unabhängig ist von unseren menschlichen Vorstellungen und Wünschen, an der wir Menschen uns aber dennoch orientieren sollen. Eine Ordnung, die „transzendent“ ist, also das Innerweltliche übersteigt, und dennoch konkrete Auswirkungen auf die Welt und auf unser Leben hat.

Das kann man glauben oder nicht, darauf kann man vertrauen oder nicht, und das wäre ein interessanter Streit, den religiöse Menschen mit nicht-religiösen führen könnten.

Aber in dem Moment, wo irgend ein Mensch oder eine innerweltliche Organisation für sich beansprucht, den Willen Gottes zu kennen, und das auch noch mit dem Anspruch verbindet, in das Leben und die Freiheit anderer Menschen einzugreifen, ist dieser ganze Streit obsolet. Denn Gott ist dann aus dem Spiel.

Oder anders gesagt: Wenn Gottes Wille etwas ist, das ein Mensch, und sei es auch der Papst, für andere verbindlich auslegen kann, dann ist Gott keinen Furz mehr Wert. Weil dann die transzendente Leerstelle namens „Gott“ mit einem weltlichen Inhalt verstopft wird.

Luisa Muraro hat einmal gesagt, die größte Sünde der Männer sei es gewesen, dass sie sich den Frauen gegenüber an die Stelle Gottes gesetzt haben, und die größte Sünde der Frauen, dass sie das zugelassen haben. Ich würde das noch allgemeiner formulieren und sagen: Die größte Sünde, die ein Mensch begehen kann, ist, sich anderen gegenüber an die Stelle Gottes setzen. Und die größte Sünde von uns anderen ist, wenn wir das zulassen.

Menschen können versuchen, den Willen Gottes zu verstehen, meiner Ansicht nach sollten sie das auch. Dafür gibt es viele Möglichkeiten: Bibel lesen (oder welche Schrift es in der jeweiligen Religion geben mag), sich an früheren Gläubigen orientieren, mit anderen Diskutieren, Nachdenken, Beten, Meditieren, aufmerksam und einfühlsam sein, whatever. Und vermutlich kommt dabei auch etwas raus, eine Einsicht, eine Meinung, ein Urteil.

Aber dieses Urteil steht immer unter dem Vorbehalt, dass es eben ein vorläufiges, innerweltliches und eben deshalb nicht unzweifelhaftes ist. Menschen könnten sich irren. Und das letzte Wort haben nicht wir, sondern Gott. Deshalb gefällt mir gut, dass in evangelischen Gottesdiensten die Predigt immer mit dem Satz beendet wird:

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus.

Ich kann verstehen, dass Menschen, die nicht an Gott glauben, diese Einschränkung nicht akzeptieren. Dass sie der Meinung sind, das letztendliche Urteil über richtig und falsch gehöre nicht zu irgend einer außerweltlichen Größe namens „Gott“, sondern sei innerweltlich zu suchen und zu finden, und dass die menschliche Vernunft und nicht irgend ein transzendentes Wesen der letzte Maßstab ist.

Ich kann aber nicht verstehen, wenn religiöse Menschen sich genauso verhalten. Und das tun sie, wenn sie nicht alles, was sie über „Gottes Willen“ erkennen und aussagen, explizit unter diesen Vorbehalt „Möglicherweise irre ich mich, das letzte Wort hat Gott“ stellen. Denn auf diese Weise untergraben sie alles, wofür Religion eigentlich steht. Und müssen sich daher auch nicht wundern, wenn sie von vernünftigen Menschen nicht ernst genommen werden.

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7 Gedanken zu “Um Gottes Willen

  1. „transzendente Leerstelle“ ist interessant. Kann man als Synonym für „Gibt es nur in unserer Vorstellung“ lesen. 😉 Aber ich will nicht mosern, danke für diesen schönen Artikel!

  2. Ich danke auch. Hm, irgendwie hat es hier keinen Trackback gesetzt, aber WP und twoday sind technisch zwei völlig verschiedenen Systeme. Twoday sucht nicht automatisch, da muss die Trackback-Adresse noch händisch eingetragen werden. Und WP tut so, als gäbe es nur das, was WP macht, deswegen wird da die Trackback-Adresse nicht mehr angezeigt.
    Setze ich es mal uralt händisch: http://violine.twoday.net/stories/gott-sagt/

  3. Dass Frauen gottgewollt irgendetwas nicht können halte ich auch für großen Unsinn. So unglaublich, dass ich gar nicht weiß warum es mich kümmern sollte. Ich hatte diesbezüglich einmal ein sehr interessantes Gespräch mit einer jungen Muslima in Tunesien. Sie war über meine Frage wie es ihr denn so gehe als Frau in einem muslimischen Land sehr überrascht. Sie sei doch selber Muslima, sagte sie, und wegen ihres Glaubens fühle sie sich frei. Was kümmere sie das Geschwätz von alten Männern, die versuchten zu erklären, dass es anders sei. Wichtig sei doch ihr persönliches Verhältnis zu Gott.

  4. @christiane
    Diese Äußerung der Muslima, kenne ich in ähnlicher Variante auch von kath. Frauen. Das ist alles richtig, wenn es eine so fühlt. Problematisch wird es, wenn das Gewäsch alter machtorientierter Männer , mein Leben und die Freiheit zu leben „wie ein Mann“ nämlich nach den eigenen Vorstellungen, verhindert.

  5. Ich kann mit organisierter Religion gar nichts anfangen. Und ich finde diese ganzen Vorschriften – egal in welcher Religion, nicht praktizierbar.
    Allein, wenn ich versuche, mich nach der Bibel zu richten, bekomme ich große Probleme.
    Denn , wer richtet sich schon nach dem Gebot: „Liebe deinen nächsten wie dich selbst.“
    und wenn noch die Feinde hinzukommen, sind wir doch alle Versager.
    Dabei wäre es so einfach. Nur, wer lebt danach? Ich kenne niemanden.
    Dann wird uns durch die Kirchen immer vorgegaukelt, durch die Taufe Christ zu sein. So einfach scheint es aber nicht zu sein, denn Jesus sagt ausdrücklich in Markus 16-16:“Wer da glaubet und getauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht glaubet, der wird verdammt werden.“ Die „Seligkeit“ scheint also nicht von der Taufe abzuhängen.
    Und wäre es nicht möglich, allem zum Trotz, dass auch ein Moslem in der Bibel liest und nur noch äußerlich – also der Zugehörigkeit wegen, wie bei vielen Andersgläubigen auch, an Jesus glaubt, wie es die Bibel lehrt und nicht irgendwelche Organisationen.
    Leider verhindert gerade das Gewäsch alter Männer das selber Denken und Fühlen vieler Kirchenmitglieder.
    Und was ist mit den vielen Menschen, die nicht getauft sind, aber dennoch glauben?
    Darauf hätte ich gerne von Ihnen, liebe Antje, eine Antwort.

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