Gewalt und Gewaltfreiheit

Reza Aslan hat ein Buch über Jesus geschrieben, das ich mir gerade gekauft (aber noch nicht gelesen) habe. Soweit aus den Meldungen ersichtlich ist, stellt er darin vor allem die These auf, dass das Christentum auch von seinem Ursprung her gar nicht so gewaltfrei ist, wie oft getan wird.

Das Thema interessiert mich, weil ich gerade „Dio e violent“ von Luisa Muraro gelesen habe, das Dorothee Markert hier schon rezensiert hat. Muraros Hauptthese (und ich hoffe, dass ich demnächst dazu komme, das an anderer Stelle mal aufzuschreiben) ist, dass die westliche Erzählung vom Gesellschaftsvertrag, wonach die Individuen dem Staat das Gewaltmonopol übertragen gegen das Versprechen von Sicherheit, heute ihre Gültigkeit verloren hat. Und dass eine Haltung der prinzipiellen Gewaltlosigkeit daher nicht mehr sinnvoll oder richtig ist.

Wie gesagt, dazu später (hoffentlich) mehr.

Mir war dabei schon die Geschichte in den Sinn gekommen, in der Jesus die Stände der Händler im Tempel umstößt, was ja eindeutig nicht gewaltfrei ist. Das ist wohl auch eines der Argumente, die Aslan aufführt. Ebenso wie den ziemlich eindeutigen Ausspruch, Jesus sei „nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert“.

Eine christliche Position der prinzipiellen Gewaltlosigkeit wäre also nicht wirklich jesuanisch. Aber wann ist Gewalt unter Umständen angebracht?

Offenbar dann, wenn die Umstände das erfordern. Dorothee hat in dem oben verlinkten Artikel dazu einige Beispiele. Manche Situationen sind schon in sich gewaltvoll, sich da rauszuziehen kann verantwortungslos oder bequem sein. Wenn die Händler den Tempel übernehmen, muss man was dagegen unternehmen, sozusagen.

Allerdings gibt es christlicherseits klare Grenzen, die aufzeigen, wann Gewalt nicht legitim ist, und zwar genau bei den Gründen, die  heutzutage üblicherweise zur Legitimierung von Gewalt akzeptiert werden, nämlich Selbstverteidigung („Wenn dich jemand auf deine rechte Wange schlägt, so wende ihm auch die andere zu“) und Krieg („Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde, und betet für die, die euch verfolgen.“)

Außerdem gibt es eine klare Grenze der Gewalt dort, wo es anderen ans Leben geht. „Du sollst nicht töten.“ Punkt, basta. Kein Wenn und kein Aber an dieser Stelle.

Also: Tödliche Gewalt ist prinzipiell verboten, andere Gewalt darf nicht eingesetzt werden, wenn es eigennützig ist (sehr radikal verstanden, also auch nicht zum Selbstschutz) oder wenn sie aus Hass oder Abneigung gegen „Feinde“ motiviert ist (also ohne dass es einen konkreten Anlass, eine konkrete Situation gibt, die die Gewalt notwendig macht).

Mehr zum Thema, wenn ich das Buch von Aslan gelesen habe.

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12 Gedanken zu “Gewalt und Gewaltfreiheit

  1. Liebe Antje, gut dass Du Dich dem Thema widmest. Aber doch bitte darauf achten, in welchem Kontext das „Schwertwort“ in Matthäus 10 steht! Es geht hier nämlich um Verfolgung um des Glaubens Willen und dass es Zwietracht um des Glaubens Willen bis in die Familien geben wird. Nirgendwo ruft Jesus dazu auf, Menschen mit dem Schwert abzuschlachten, wie das implizit möglicherweise unterstellt wird. Es ist ein Bildwort und kein Aufruf zum Mord. Zur Geschichte der sog. Tempelreinigung gibt es Auslegungen zuhauf. Und was sollte es nun bringen nachzuweisen, dass Jesus möglicherweise gar nicht so friedlich war? Dürften wir dann auch ohne schlechtes Gewissen zu den Waffen greifen? Was wäre damit gewonnen? Es ist trotz der wenigen Stellen in den Evangelien, die man mit viel Mühe so auslegen könnte, genug Gewalt im Namen des christlichen Glaubens verübt worden. Wir brauchen keine Legitimation von mehr Gewalt, sondern mehr Mut zu gewaltfreien Wegen für einen gerechten Frieden.

    1. @Ilona – Dass das „Schwertwort“ ein Aufruf zum Mord sein könnte, habe ich nie behauptet, dagegen steht ja allein schon das Tötungsverbot. Es ist auf jeden Fall eine Gewalt-Metapher. Ich finde auch interessant, dass du von „Gewalt“, worüber ich geschrieben habe, sofort auf „Mord“ kommst. Aber Gewalt ist ja nicht gleich Mord. Und wie immer man die Geschichte mit der Tempelreinigung auslegen will, es ist auf jeden Fall eine Geschichte über Gewalt. Und ich finde auch interessant, dass du die Frage sofort zu einer moralischen machst („ohne schlechtes Gewissen“). Interessant, weil das innerhalb der christlichen „Lehre“ eben tatsächlich das vorrangige Interpretationsschema ist.

      Mir geht es ja nicht um Theologie und auch nicht um die Auslegung von Bibelgeschichten, sondern ich komme von der politikwissenschaftlichen Frage nach der Legitimität oder Nicht-Legitimität von Gewalt her. Ich gehe aus von Luisa Muraros These, dass das staatliche Gewaltmonopol ins Wanken gerät, weil seine Grundlagen – die klassische Erzählung vom Gesellschaftsvertrag – nicht mehr plausibel ist. Und ich finde es interessant, dass sie als nicht-religiöse Philosophin dabei auf den Begriff „Gott“ rekurriert, als die einzig legitime Quelle von Gewalt, und dabei fiel mir dann eben die Tempelgeschichte ein. Die klassische Antwort der prinzipiellen Gewaltfreiheit befriedigt mich jedenfalls nicht. Zumal vieles dabei heutzutage floskelhaft ist, wie eben das Bekenntnis „natürlich gewaltfrei“ oft eine Formel ist. Oder auch deine Formulierung vom „Mut zu gewaltfreien Wegen“. Die sagt mir zum Beispiel gar nichts, weil ich total gewaltfrei handele, ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal Gewalt ausgeübt hätte (in einem physischen Sinn zumindest). Ich habe nicht den Eindruck, dass das von mir besonderen Mut erfordert, im Gegenteil, es ist ganz bequem, weil ich eine sehr privilegierte Position habe. Nett gesagt, kann ich es mir leisten, gewaltfrei zu sein. Böse gesagt, könnte man sagen, ich delegiere die Gewalt, die notwendig ist, um meinen sicheren und wohlhabenden Lebensstandard auf Kosten anderer zu sichern, an den Staat, wobei wir wieder beim Gewaltmonopol sind.

  2. Ich empfehle hier sehr immer noch „der dritte Weg Jesu“ von Walter Wink. Ist glaube ich vergriffen, aber ein Klassiker. Grade auch zu den Stellen wie die mit der Wange hinhalten und eine extra Meile gehen!

  3. Spannendes Thema, aber vermutlich gar nicht so leicht als Handlungsanweisung, als Rezept für richtiges Verhalten auf einen Nenner zu bringen. Die bisher klügsten Bemerkungen dazu hat meiner Meinung nach Pinchas Lapide gemacht (der Jesus als Teil einer Friedensbewegung sieht). Besonders zu den Bergpredigt-Anweisungen (Andere Wange / tut wohl denen, die euch hassen): Als raffinierte Enfeindungs-Liebe gegenüber der Besatzungsmacht. „Liebet eure Feinde“ deutet er so: Versucht es, den Besatzern mit Symbolhandlungen ff etwas Gutes anzutun – sie können dann ihre Feindschaft nicht mehr so fortsetzen…
    So weit mit Lapide. Folgendes zT sonst zusammengelesen:
    * Das Schwert-Wort= es *wird* Streit und Mord geben wegen Jeus . Aber doch nicht Aufforderung zu gewaltsamem Kampf.
    * Kurzer Dialog in Gethsemane: Wie seid ihr bewaffnet? 2 Schwerter haben wir – das reicht.
    Das könnte bedeuten: Bei einer Gruppe von 12 Männern genügt es zur kleinen Selbstverteidigung – es genügt auch um sie als Sikkarier/Messermänner zu verdächtigen. Es genügt aber nicht zum bewaffneten Kampf.
    *Gegen die Händler im Tempel: sicher stark bestimmt durch Sacharja 14,21: Hat sich Jesus als Erfüller/Vollstrecker hierfür gesehen oder die, die über ihn dies erzählt haben? Immerhin sollten es wohl auch deshalb „nur“ Stricke sein, weil es nicht um tötende Gewalt gehen sollte.
    * Ja und dann Erzählungen und Bemerkungen mit eindeutig pazifistischer Tendenz (Selig die Friedfertigen, lateinisch: Beati pacifici) : Stecke das Schwert in die Scheide… Oder das als Verzicht Erklärte: Jesus „könnte den Vater bitten“ um eine „Legion Engel“ zu seiner Rettung. Die Anweisung an die missionierenden Jünger, wenn es Streit gibt, dann weggehen…
    Es bleibt schwierig auseinanderzuklauben, was welcher Situation in der Biographie Jesu oder den verschiedenen Umständen und Interessen in der frühen Christenheit geschuldet ist. Und man sollte natürlich nicht über historische Echtheit danach urteilen, wie sympathisch eine Geschchte ist. Und doch zugleich einkalkulieren, dass nach solchen Sympathie-Gesichtspunkten schon in den Evangelien manches betont und manches zur Seite geschoben worden sein kann. Am brisantesten (aber das ist ja wirklich keine neue Entdeckung) die Bewertung von Pontius Pilatus.

    1. @Hermann – Die Auslegung von Lapide gefällt mir, ehrlich gesagt, nicht, und zwar aus zwei Gründen: Erstens wäre das eine instrumentelle Freundlichkeit, und keine wirkliche Feindesliebe. Man tut so als ob, aus strategischen „raffinierten“ Gründen. Und zweitens funktioniert das in der Praxis nicht, wie das Beispiel der vielen von ihren Männern geschlagenen Frauen zeigt, denen es überhaupt nicht nützt, dass sie freundlich sind, im Gegenteil.

      zum Schwertwort: Ja, genauso wird es christlicherseits üblicherweise ausgelegt, aber das kommt dann schnell so rüber: Wir haben eine total tolle Lehre, aber die anderen kapieren das nicht und zerstreiten sich deshalb mit uns. Da ist mir der schwarze Peter ein bisschen zu schnell bei den anderen. Die Sache ist doch die: „Wir“ sind hier die Aktiven, wir tun Dinge, die zu „schwertmäßigem“ Streit führt, was genau für Dinge und weshalb ist das gerechtfertigt?

  4. Tschuldigung, ich würde diesem Blog gern per Email folgen, wie dem anderen „aus Liebe zur Freiheit“. Wie geht’s?

  5. Liebe Antje, ich habe mir neulich mal auf dem Hintergrund von „Jesus Christ Superstar“ nur das Markusevangelium gelesen und festgestellt, dass es Gewalt nicht ausschließt. Das Mathäusevangelium dagegen sieht das ganz anders, ebenso Lukas, der zudem noch mehr an den Armen orientiert ist. Was Jesus selbst gedacht hat, halte ich für ziemlich spekulativ. Das einzige, was Josephus glaubwürdig über die Pilatuszeit berichtet, ist ein Aufstand der Pilger gegen die römische Armee aus religiösen Gründen. Die Parole, dass der Tempel als Bethaus gedacht sei und nicht als Kaufhaus, passt ja ganz gut dazu. Jesus stand den Pharisäern vielleicht näher, als uns das die Evangelien einreden wollen.
    Eine andere Frage ist, ob er nicht sogar eher auf de Seite der hellenistischen Juden stand. Es gab ja schon einmal einen Hohenpriester namens Jason (Jesus), der in der traditionellen Lesart in Ungnade gefallen ist. Dass der Name „Jesus“ auch Programm ist, darin sind sich die Evangelien einig. Jesu Offenheit gegenüber Andersgläubigen und „Sündern“ ist auch breit bezeugt. Ein Zelot war er sicher nicht, aber er hielt auch zu ihnen Verbindung (Simon der Zelot). Gewalt gegen die Römer widersprach der Vernunft. Das Himmelreich kommt nicht durch Gewalt; es ist schon im Geist gegenwärtig.
    Ich habe vom Buch in der ZEIT gelesen und bin gespannt.

  6. Hallo Antje,

    wir haben gerade bei unserem Kurs „Aufbrüche-Christliche Spiritualität in der Weltgesellschaft“ ein Wochenende zu Gewaltfreiheit aus buddhistischer und christlicher Sicht gehabt – und da war natürlich auch von dem Klassiker „Sich nicht wehren“= Gewaltfrei die Rede. Aber Schockstarre und Passivität sind nicht Gewaltfreiheit. Zudem ist „GEwalt“ im Deutschen ein sehr vieldeutiges Wort, das ein Spektrum von Verletzung körperlicher Integrität durch Tätigkeit Anderer bis zu Lenken und Beeinflussen von Prozessen hat. Non-Violence ist da deutlicher. Zudem gibts da wirklich eine sehr ausführliche Diskussion, und gute Beispiele, von der Rosenkranz-Revolution auf den Philippinen – die maßgeblich von der Österreicherin Hildegard Goss-Mayr inspiriert und trainiert war – bis zu MArtin Luther King.

    1. @Ursula – danke für die Hinweise – Ja, das pauschale Reden über „Gewalt“ finde ich auch problematisch, denn darunter fällt ein so sehr breites Spektrum an möglichen Handlungen…

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