Absoluter Gott, relativer Mensch

Ach, wie wäre das schön, wenn wir uns einfach so über Gott unterhalten könnten. Aber es sitzen da immer so viele andere Leute noch mit am Tisch.

khorchideGerade habe ich das Buch „Gott glaubt an den Menschen“ von Mouhanad Khorchide gelesen. Ich finde die Frage spannend, wie sich das muslimische und das christliche Gottesbild voneinander unterscheiden. Ich sehe ja Gott nicht gerne als großen Zampano, und habe die Muslim_innen immer etwas im Verdacht, Gott zu weit „oben“ anzusiedeln, ihn zu HERRLICH zu machen. Und seine männlichen Propheten gleich mit, so wie sie zum Beispiel nicht glauben, dass Jesus gekreuzigt wurde und also tot war, sondern dass jemand anderes an seiner Stelle hingerichtet wurde.

Also: Im Islam ist Gott der Andere, ich als Christin sehe Gott eher als Gegenüber, als in Beziehung zu mir. Das islamische Gottesbild des „Ganz anders“ habe ich auch bei Khorchide wieder gefunden, aber in einer Interpretation, die ich interessant finde, nämlich als Hort der Unverfügbarkeit: Weil Gott so anders und so „weit oben“ ist, können wir Menschen Gottes Wahrheit nie ganz erkennen. Gott ist absolut, Menschen sind immer relativ. All die Attribute, die Gott (nicht nur) im Islam zugeschrieben werden – Barmherzigkeit, Gerechtigkeit, Frieden usw. – können Menschen zwar anstreben, sich ihm möglichst annähern, aber eben damit immer nur relativ erfolgreich sein. Die absolute Barmherzigkeit, Gerechtigkeit, Wahrheit usw. ist dadurch gewissermaßen bei Gott beschützt, Menschen haben keinen Zugriff darauf.

Damit kann ich viel anfangen, ich finde, es ähnelt ein bisschen der „Unverfügbaren Leerstelle“(UVL), die ich hier mal als Synonym für Gott vorgeschlagen habe. Uns beiden geht es darum, zu zeigen, dass alle, die behaupten, Gottes Willen zu kennen und für sich beanspruchen, den anderen aufzuzwingen, häretisch sind, Gotteslästerung betreiben.

Lustigerweise überschrieb ich einen Text dazu mit „Gott kann uns nicht helfen, aber wir ihr_ihm“, und in Khorchides Buch geht es auch darum, dass wir Menschen die „Kalifen“ Gottes auf der Erde sind und damit die Aufgabe haben, dafür zu sorgen, dass alles hier so ist, wie es Gott gefällt. Gott greift nicht direkt auf der Erde ein, sondern urteilt erst beim Jüngsten Gericht (wenn ich es richtig verstanden habe – heißt das eigentlich, Gott tut nach islamischer Auffassung keine Wunder? Es gibt dort also keine Theodizee-Frage?)

Navid Kermani hat mal in einem Vortrag, bei dem ich anwesend war, gesagt, dass es den Islam wohl gar nicht geben würde, wenn die Christ_innen nicht die Trinität erfunden hätten, also die Idee, dass es Gott in dreierlei Erscheinungsformen gibt – als Schöpfer, als Mensch, als Heilige Geistkraft. Daraus wäre die Notwendigkeit entstanden, dass diejenigen, denen der strikte Monotheismus wichtig ist, eine andere Religion entgegen setzen: „Ich bezeuge, dass es keine andere Gottheit gibt, außer dem einen Gott“ (so beginnt das islamische Glaubensbekenntnis).

Nach der Lektüre von Khorchides Buch kann ich noch besser verstehen, warum Menschen, die auf „rational und logisch“ stehen, den Islam attraktiv finden. Er ist definitiv rationaler und logischer als das Christentum, allerdings mag ich Gott nicht nur auf das Schöpfersein reduzieren, ich möchte auf Gott in der Version Mensch und in der Version Heilige Geistkraft nicht verzichten. Und der Monotheismus ist imho auch nicht das letzte Maß aller Dinge (um Rosemary Redford Ruether anzuführen).

Aber die Diskussion darüber finde ich spannend, deshalb wünsche ich mir mehr islamische Theologie im öffentlichen Diskurs. Leider sitzen – so eben auch bei diesem Buch – immer so viele Leute mit am Tisch, die sich überhaupt nicht für Gott interessieren, sondern irgendwelche anderen Agenden verfolgen. So merkt man, dass Khorchide beim Schreiben quasi sich ständig gedanklich rechtfertigt: vor einer muslimischen Community, die ihm womöglich „Anbiederung an den Westen“ vorwerfen könnte, vor so genannten „Islamkritiker_innen“ auf der einen und Islamisten auf der anderen Seite und ihrer übereinstimmenden Auffassung vom „wahren Islam“ (zu dem so jemand wie Khorchide natürlich nicht zählt), und dann schließlich noch vor Otto Normalverbraucher, der alle möglichen Phantasien übe den Islam pflegt und es nicht leiden kann, wenn jemand ihm die durcheinanderbringt.

Unter diesen Umständen ist es sehr schwierig, einen vernünftigten Diskurs zu führen und dabei bei den eigenen Argumenten zu bleiben, und ich freue mich, dass Khorchide das immerhin versucht.

Nicht mit an seinem virtuellen Tisch saßen Frauen. Unter den sehr vielen zitierten muslimischen Theologen und humanistischen Denkern ist mir keine einzige Autorin untergekommen (falls ich nicht was übersehen habe). Islam und Humanismus nach Khorchide scheint eine reine Männerangelegenheit zu sein. Andererseits: Vielleicht ist es ja ganz okay, dass wir ihm nicht auch noch im Nacken gesessen haben, zusammen mit all den anderen.

Mouhanad Khorchide: Gott glaubt an den Menschen. Mit dem Islam zu einem neuen Humanismus. Herder 2015, 19,99 Euro.

Tod, Naturwissenschaft, und Glaube

51+2HuZd7kL._SX312_BO1,204,203,200_Nachdem ich das F-Klasse-Buch von Thea Dorn damals ein bisschen verrissen hatte, war ich neugierig, mit welchen Themen sie sich weiterhin beschäftigt. Zum Glück habe ich nicht nur einen politisch-feministischen Blog, sondern auch einen religiös-theologischen, denn darum geht es hier eher: Dorns aktueller Roman „Die Unglückseligen“ behandelt den Tod und die Frage, wie man ihn besiegen kann (Spoiler: nicht :))

Der Plot ist interessant: Die Biologin Johanna hat sich zur Aufgabe gemacht, durch ihre Forschung dazu beizutragen, die menschliche Lebensspanne zu verlängern. Eines Tages trifft sie einen etwas verwirrten Mann unbestimmten Alters, von dem sich bald herausstellt, dass er unsterblich ist und schon seit über 200 Jahren lebt.

Auf fast 560 Seiten entspannt sich dann die Geschichte der Beziehung zwischen den beiden, die jeweils aus ihrer subjektiven Perspektive erzählt wird, also abwechselnd im Sprachstil des 21. und des 18. Jahrhunderts – das ist der Autorin ziemlich gut gelungen. Zusätzlich gibt es noch einen dritten Erzähler, nämlich den Teufel, der bei diesen Sachen ja immer die Finger im Spiel hat. Während der Roman in der ersten Hälfte Johannas nüchtern-wissenschaftlich Blick einnimmt, wechselt er in der zweiten Hälfte (mit Johanna) ins Mythologisch-religiös-dämonenhafte über.

Den ersten Teil habe ich sehr gerne gelesen, den zweiten fand ich dann allerdings etwas langatmig und auch verworren, und das Ende nicht wirklich interessant. Ein bisschen finde ich auch das Scully-Mulder-Narrativ „Wissenschaftlich-rationalistische, etwas oberflächlich-pragmatische Frau trifft geheimnisumwitterten, tiefgründigen Mann mit Ader für das Übersinnliche“ inzwischen etwas ausgelatscht.

Aber der Roman ist dennoch lesenswert, weil sich darin auch eine aufkeimende Sehnsucht findet, dem „nicht rational Erklärbaren“ wieder etwas mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Allerdings versandet das dann oft halt ein wenig im Seichten, aber gut: Manchmal will man ja auch einfach einen Schmöker schmökern.

Thea Dorn, Die Unglückseligen, Knaus Verlag 2016, 560 Seiten, 24,99 Euro.

Karwoche ist Carewoche

Die Karwoche hat im Kirchenjahr häufig nur noch theoretisch, für die meisten Menschen ganz praktisch aber keine große Bedeutung mehr. Karfreitag wird für viele einfach unter „Osterfeiertage“ subsummiert, der Sinn des Festes und das, was dort Thema ist, bedeutet nur noch einer Minderheit auch der Christinnen und Christen etwas.

In diesem Jahr hat eine Gruppe von Frauen die Initiative ergriffen, das zu ändern. Sie sehen in der Sinnentleerung der Karwoche auch eine Chance, nämlich die Chance, sie wieder neu mit Bedeutung zu füllen. Ihr Vorschlag: die Karwoche als Care-Woche zu begehen. Denn:

Laut Duden stammt die Vorsilbe Kar vom althochdeutschen Wort KaraKara bedeutet: Klage, Trauer, Sorge. Das Wort ist mit dem englischen Care verwandt. Carebedeutet: Sorgen, Sich kümmern, Fürsorglich sein... Was bedeutet diese Verwandtschaft von Care und Kar-? Was ist Care heute?

Dazu finden sich auf der Seite Karwoche ist Carewoche jede Menge Ideen, Postkarten, Texte und vor allem Anregungen, das Thema Care ganz praktisch in den Alltag zu integrieren.

Hier beschreiben die Initatorinnen, wie es zu dem Projekt kam.

 

Das Wasser, in dem wir schwimmen, ohne es zu sehen

Ich empfehle euch, diese interessante Podiumsdiskussion anzuschauen über Staat und Religionen.

 

Ich hätte mir gewünscht, dass die Diskussion noch mehr auf die Einstiegsthese von Yasemin Shooman und Hannah Tzuberi eingegangen wäre: Dass nämlich die gesamte Religionsdebatte in Deutschland – gerade auch wie sie von atheistischer oder säkularer Seite geführt wird – sich sehr stark aus einem protestantischen Verständnis von Religion speist: Nur wenn man Religion als etwas versteht, das vor allem mit persönlichem Glauben und innerer Überzeugung zu tun hat, kann man auf die Idee kommen, Religion wäre etwas Privates, das sich nicht in äußerlichen Manifestationen zeigen muss. Für muslimische und jüdische Religion zum Beispiel ist aber auch die „Orthopraxie“ wichtig, also das Ausführen von Ritualen oder eine bestimmte Art, sich zu kleiden.

(Kleiner Einschub: Ich bin als offen lebende Protestantin ein großer Fan davon, keine Orthopraxie zu haben – also keine festen Regeln, Rituale, Vorschriften  – aber ich halte das tatsächlich für etwas typisch Protestantisches und nichts Normales, Neutrales oder Selbstverständliches. In dem Zusammenhang finde ich es übrigens interessant, dass es im Bereich der Essensvorschriften derzeit auch im säkularen Milieu wieder eine Zunahme des Phänomens der Orthopraxie gibt, nur sind die Gründe, warum man etwa dieses oder jenes nicht isst, jetzt eben nicht mehr religiöse. Whatever: Worum es hier geht ist das Sensorium dafür, die eigenen kulturellen Gewohnheiten als Ausdruck einer bestimmten Weltanschauung zu verstehen und nicht einfach für „normal“ zu halten).

Yasemin Shooman nennt diesen blinden Fleck in der Wahrnehmung „Schwimmen im Wasser, das man aber nicht sieht.“ In Wahrheit sind eben viele Gesetze und Regeln, die formal „neutral“ sind und „für alle gelten“, alles andere als neutral und normal: Es fällt zum Beispiel nicht allen religiösen Menschen gleichermaßen leicht, auf bestimmte Kleidungsstücke zu verzichten, die vom Mainstream als „religiös“ gelabelt werden.

Im September hatte ich einen Talk bei der Open Mind-Konferenz, wo ich über religiöse Zugehörigkeit gesprochen habe. Dort sage ich ebenfalls an einer Stelle, dass vieles von dem, was heute sich als säkular und atheistisch versteht, eigentlich auf der Folie eines protestantischen Religionsverständnisses abspielt. Aber – wie ich es auch in dem Post über Adam und Eva schrieb: Gerade wenn man sich gar nicht mehr darüber bewusst ist, wie viel von dem, was man selbstverständlich und normal findet, in Wirklichkeit aus einer bestimmten religiösen Tradition kommt, weil man diese Tradition überhaupt nicht mehr kennt, hat man sich jegliche Möglichkeit abgeschnitten, diese Tradition zu kritisieren und zu verändern.

Bedenkenswert finde ich auch den Einwand von Hannah Tzuberi im Verlauf der Diskussion, wo sie kritisiert, dass in den öffentlichen und medialen Inszenierungen von interreligiösem Dialog in Deutschland oft der Subtext ist, dass man doch diejenigen jüdischen und muslimischen Stimmen hervorholt, die am besten in den „protestantisch-liberal-säkularen“ Bezugsrahmen passen. Natürlich ist das eigentlich ein Sich im Kreis Drehen, weil man eben genau nicht zu den interessanten Fragen vordringt, an denen die eigentlichen Differenzen möglicherweise liegen.

Ich glaube, dass sich solche Diskussionen am besten unter dezidiert religiösen Frauen führen lassen. Ich würde gerne schreiben, unter „feministischen Frauen“, aber das Label ist hier nicht hilfreich, weil der Feminismus häufig als generell anti-religiös verstanden wird (nicht ganz ohne Grund). Das Kriterium kann aber nicht sein, ob eine Muslimin oder Jüdin dem möglichst nahe kommt, was eine deutsche Mehrheitsgesellschaft sich unter feministisch vorstellt. Sondern es geht darum, Frauen zusammenzubringen, die sich selbst als religiös verstehen, und zwar in einem durchaus „orthodoxen“ Sinn, und gleichzeitig aus einer Perspektive weiblicher Freiheit heraus handeln und sprechen, ohne dabei inhaltlich vorab festzulegen, wie weibliche Freiheit auszusehen hat.

Twittern und Beten

Ina Praetorius hat sich kürzlich in ihrem Blog über „postsäkulare Transzendenz“ Gedanken gemacht (englischer Text). Darin schreibt sie über die Notwendigkeit, Formen zu finden, die den Sinn religiöser Praktiken erhalten, sie aber von der Engführung auf bestimmte konfessionelle Traditionen zu lösen, da sie normalerweise bei säkularen Zusammenkünften nicht mehr funktionieren, wo ja in der Regel Menschen aus unterschiedlichen – oder gar keinen – religiösen Traditionen zusammenkommen. Sie schreibt:

I think that the wholesome meaning of these practices consists in an opening up for the outside, for a wider context, for transcendence in a broad sense, in bringing to mind that what we are doing in here is not the center of the world and not an end in itself, but should be connected to the well-being of all. Opening up a conference in this sense is at the same time relaxing and challenging: we are not able and we do not have to save the world right here and now, but we are able and we are bound to continually create connections to THE MYSTERY that, as we know from all our religious traditions, is, essentially, justice, peace and wellbeing for all…

How will we, in a world that cant return to traditional forms of religion but nevertheless feels the void left behind by them, find new ways of relating to what could be calledpostreligious or postsecular transcendence?

Davon ausgehend habe ich kürzlich mit ihr und anderen politischen Freundinnen über Parallelen zwischen Beten und Twittern diskutiert. Um später vielleicht mal darauf zurückgreifen zu können, schreibe ich das einmal auf, denn ich finde, die Ähnlichkeiten sind groß.

Zunächst einmal die Formen: Es geht um Klagen (und Anklagen), Freude und Dankbarkeit, Lobpreis, Bitten (um Hilfe), Fragen und Zweifel, Schuldbekenntnisse. Diese richten sich nicht an eine bestimmte, adressierbare andere Person, sondern an etwas Jenseits des konkreten Kontextes, an „das große Umunsherum“ (wie Ina Gott unter anderem nennt), an niemand Bestimmten. Und dennoch ist es verbunden mit der Hoffnung auf Resonanz, mit dem Wunsch, gesehen zu werden, mit dem Bedürfnis, etwas zu formulieren und auszusprechen und in die Welt zu stellen.

Interessant fand ich den Einwand einer Mitdiskutantin, die diese Parallelisierung zwischen Beten und Twittern zweifelhaft fand, und folgenden Unterschied stark machte: Beim Twittern spreche ich öffentlich, wenn ich etwas Falsches sage, kann ein Shitstorm folgen, deshalb muss ich mich dabei kontrollieren und genau überlegen, was ich sage. Beim Beten richte ich mich nur an Gott, dabei kann ich auch spontan und ganz offen sein, denn es kann nichts Gefährliches passieren.

Dabei kam mir jedoch die Frage, ob das nicht letztlich bedeutet, Gott als Gegenüber nicht ganz ernst zu nehmen, also  nicht wirklich zu glauben, dass Beten etwas bewirkt. Denn müsste ich meine Worte im Gespräch mit Gott nicht eigentlich noch viel sorgfältiger wählen als im Gespräch mit der Twitter-Öffentlichkeit? Das sind ja doch bloß Menschen, aber Gott ist doch Gott! Wir diskutierten dann noch eine Weile darüber, ob nicht Twitter äußerlich ist (ich äußere etwas, stelle eine Aussage in die Welt), während ein Gebet innerlich ist. Wir haben uns darüber nicht geeinigt, aber ich finde nicht, dass ein Gebet innerlich ist. Auch bei einem Gebet „äußere“ ich mich, nämlich gegenüber Gott.

Eine weitere Parallele fiel mir auf: Ein Gebet, so sagt man, wirkt nur, wenn es wirklich ernst gemeint ist. Sünden werden nur vergeben, wenn sie mit authentischer Reue, Buße und Umkehr einhergehen, nicht, wenn die Zerknirschtheit nur äußerlich und strategisch ist. Genauso funktioniert es auch auf Twitter: Wer in ein Fettnäpfchen des Diskurses tritt und daraufhin von vielen heftig kritisiert wird, hat nur eine Chance, da wieder rauszukommen, wenn er oder sie sich ernsthaft mit den Vorwürfen auseinandersetzt und das eigene Verhalten ändert. Scheinheilige oder uneinsichtige „Nopologies“ funktionieren weder bei Twitter noch bei Gott.

Beten und Twittern zu parallelisieren könnte beidem wieder mehr Ernsthaftigkeit verleihen. Im Prinzip geht es darum, etwas zu sagen und auszusprechen und dafür einerseits Verantwortung zu übernehmen, sich andererseits aber auch mit etwas „Größerem“ zu verbinden und die Kontrolle über die Folgen des eigenen Sprechens aufzugeben.

Was beim Beten nur Glaubenssache ist, ist beim Twittern ganz offensichtlich: dass diese Äußerungen Folgen haben, die positiv oder negativ sein können. Es geht letztlich darum, die Essenz eines Tages, einer Veranstaltung zu formulieren und „rauszulassen“, es geht um Vergewisserung, Zuspruch, Schönheit, Aufmunterung, Liebe, Hoffnung, Zweifel. Und Twitter ist – neben dem Beten – die einzige Möglichkeit, die mir einfällt, wie ich das tun kann, ohne mir zuvor eine bestimmte Person oder ein Publikum zu suchen, das ich adressieren kann.

Als ich auch über diese Überlegungen wiederum twitterte, wurde ich von religiösen Menschen zu einer Twitterandacht eingeladen. Auch Twittergottesdienste gibt es inzwischen. Es gibt momentan das Bemühen, neue Medien in alte religiöse Formen einzubinden, oder beides miteinander zu verbinden. Ich halte das nicht für sehr aussichtsreich. Die Leute, die sich in klassischen christlichen Formen wie Gottesdienst und Andacht heimisch fühlen, sind ohnehin nur noch eine Minderheit, und die darunter, die auch noch gerne twittern, sind eine nochmal kleinere Minderheit.

Ich glaube nicht, dass es praktisch-theologisch etwas bringt, „alten Wein in neue Schläuche“ zu tun, also alte Formen (Liturgien, Andachten) in neue Medien zu verpacken. Sondern das Spannendere wäre, wahrzunehmen, wo die zentralen religiösen Praktiken (eben Beten zum Beispiel) sich schon längst innerhalb der neuen Medien Bahn gebrochen haben, ohne dass sie zwar so genannt werden, aber doch sehr ähnlich funktionierend. Diese neuen Formen lassen sich nicht konfessionell vereinnahmen, aber das ist, glaube ich, auch gar nicht nötig. Gott versteht das auch so.

PS: In dem Zusammenhang fällt mir noch ein Vortrag von Josefine Matthey auf der Open Mind 15 ein, in dem sie unter anderem über feministische Selfie-Aktionen sprach und dabei einen Satz sagte, der mir (sinngemäß) hängen geblieben ist: „Man muss keinen Grund dafür haben, sichtbar sein zu wollen.“ – Dies als Replik darauf, wenn Menschen dafür kritisiert werden, dass sie Bilder von sich ins Netz stellen, obwohl sie „nicht schön“ sind, oder wenn das als überflüssige Selbstdarstellung lächerlich gemacht wird.

Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen?

„Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“ – dieser Satz von Paulus wird häufig zitiert, und zwar in der Regel falsch. Die einen führen es als Beleg dafür an, dass auch Paulus gegen ein Bedingungsloses Grundeinkommen wäre, weil nur die, die arbeiten, auch essen sollen (was offenbar als Metapher für „Geld bekommen“ gelesen wird). Die anderen nehmen es als Beleg dafür, dass schon Paulus für so etwas wie eine protestantische Arbeitsethik gewesen wäre.
Auch in dem aktuellen Heft von „Brandeins“ zum Thema Faulheit wird dieses Zitat in diesem Sinne genannt. Ich schrieb deshalb einen Kommentar an die Redaktion, den ich hier auch nochmal poste:
Das interessante Heft über Faulheit habe ich gerne gelesen. Zwei Mal führen Sie darin jedoch (in unterschiedlichen Artikeln) das Paulus-Zitat „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“ als Beleg dafür an, dass das Christentum (damals schon) gegen Faulheit gewesen wäre. Sicher ist das später in der Kirche oft so ausgelegt worden. Paulus hat aber etwas anderes gemeint. Er richtet den Satz nicht an die „Faulen“, sondern an die Reichen, die gewohnt waren, andere für sich arbeiten zu lassen. Aber in der christlichen Gemeinschaft sollten genau diese Hierarchien nicht mehr gelten, und zwar ganz konkret bei gemeinsamem Essen: Da sollten nicht die einen arbeiten und die anderen sich an den gedeckten Tisch setzen, sondern, „Da ist nicht Arm und Reich“ und eben auch: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht (mit)essen)“. Es ist ein Appell für soziale Gleichheit, und kein Appell gegen Faulheit.
Wisster Bescheid.

Diese leidige Sache mit Adam

untitledGerade ist ein Sammelband mit Vorträgen und Aufsätzen von Helen Schüngel-Straumann erschienen, einer der wichtigsten feministischen Alttestamentlerinnen. Ein Thema, das ihr besonders am Herzen liegt, ist die Sache mit Adam und Eva (auch mich beschäftigt das Thema schon länger, ich kam damals über die jüdische Theologin Eveline Goodman-Thau drauf).

Bekanntlich hat die christliche männliche Theologie aus der biblischen Urgeschichte um das Paradies sich herbeifantasiert, dass die Frau zweitrangig ist, weil sie aus Adams Rippe erschaffen worden sei. Nicht wirklich Gottes Ebenbild, sondern nur ein Abglanz des Mannes. Und überhaupt ist von ihr die Sünde ausgegangen, weil sie sich von der Schlange hat in Versuchung führen lassen. In dem Bibeltext als solchem steht von all dem nichts, was die feministische Theologie schon lange herausgearbeitet hat (und was inzwischen auch von keinem männlichen Exegeten, also Bibelausleger, mehr ernsthaft bestritten wird).

Der Kniff, der es der frauenfeindlichen Tradition ermöglicht hat, einen so grundlegenden Bibeltext praktisch in sein Gegenteil zu verkehren, war es, das Wort „Adam“, das hebräisch ist und einfach „Menschenwesen“ (ohne geschlechtliche Bestimmung) bedeutet, als männlichen Eigennamen auszugeben und dann zu behaupten, alles, was von „Adam“ gesagt wird, würde nur die Männer betreffen und die Frauen nicht. Aber Adam ist eben kein Mann, sondern der Mann wird erst zusammen mit der Frau erschaffen: Weil Gott sieht, dass es nicht gut ist, dass „der Mensch allein sei“, erschafft er ihr_ihm aus dem eigenen Fleisch ein „Gegenüber, das helfen kann“ (Luther machte daraus: eine Gehilfin), und so entstehen dann „Frau“ und „Mann“ (erst an dieser Stelle tauchen diese Worte im Text auf). Die so genannte Erschaffung Evas ist also in Wahrheit nicht die Erschaffung der Frau, sondern die Erschaffung der Geschlechterdifferenz, oder besser gesagt: der menschlichen Pluralität.

Wie gesagt, das alles ist längst bekannt (zumal ja auch die jüdische Tradition diese ganzen Verdrehungen nicht mitgemacht hat). Aber die erneute Lektüre von Schüngel-Straumanns Texten dazu hat mir doch noch einmal ein paar neue Erkenntnisse verschafft, die ich hier einfach mal aufliste:

  1. Was ich nicht wusste ist, dass auch „Eva“ eigentlich kein Eigenname ist, sondern ebenfalls ein Begriff für ein Menschheitsphänomen. Das Wort bedeutet „Mutter alles Lebendigen“, und genau so ist es auch gemeint: Nicht als Bezeichnung für eine individuelle Frau, sondern als Begriff, der aussagt, dass erst durch die Erschaffung der Differenz (für die die Geschlechterdifferenz sozusagen das Urmuster darstellt) die Menschheit insgesamt „lebendig“ wird. Das erklärt auch, warum „Eva“ als Frauenname im Alten Testament gar nicht mehr vorkommt. (Im Judentum wird Eva auch entsprechend verehrt, sie ist dort nicht die sündige Frau wie im Christentum).
  2. Interessant fand ich auch Schüngel-Straumanns Hinweis auf den so genannten „Herrschaftsbefehl“, wonach die Menschen den Auftrag bekommen, über den Rest der Welt (unbelebte Materie, Pflanzen, Tiere) zu „herrschen“, also letztlich Verantwortung für sie zu übernehmen und die Welt dem eigenen Urteil und dem eigenen Willen gemäß zu gestalten. Dieser Befehl ergeht an alle Menschen, nicht nur an die Männer. Schüngel-Straumann weist darauf hin, dass es ausdrücklich keinen Auftrag dazu gibt, dass die Menschen über andere Menschen herrschen bzw. für andere in diesem bestimmenden Sinne Verantwortung übernehmen sollen. Herrschaft über Menschen kommt nur Gott zu. Herrschaft von Menschen über Menschen ist – laut Genesis – nicht Bestandteil der Schöpfungsordnung.
  3. Laut Schüngel-Straumann ist dies eine Besonderheit des jüdischen Schöpfungsberichts im Vergleich zu anderen Schöpfungsmythen aus dieser Zeit (im Unterschied zum Beispiel zur Sintflut, die praktisch in allen vorkommt). Auch die Gottesebenbildlichkeit (also dass die Menschen sozusagen Gott ähnlich sind bzw. sie_ihn auf der Erde „spiegeln“, vertreten) ist ein üblicher Topos in antiken Schöpfungserzählungen, allerdings wird sie üblicherweise einem besonderen Menschen, dem König oder dem Pharao zugesprochen. Die „Gottgleichheit“ des Königs kann dann als Legitimation dafür dienen, dass dieser König über andere Menschen herrscht. Die Besonderheit der Genesis ist, dass diese Gottebenbildlichkeit hier gerade nicht bestimmten Menschen, sondern „Adam“, also der Menschheit als solcher, zugesprochen wird. Und zwar ganz explizit der weiblichen und der männlichen Menschheit. Zu behaupten, „Adam“ sei ein Mann, macht genau diese Intention wieder zunichte.
  4. In der traditionellen christlichen Lesart werden Genesis 2 und Genesis 3, also die Kapitel über das Leben der Menschheit im Paradies und über das Leben der Menschheit außerhalb des Paradieses, als Strafe für die Ursünde – das Essen der verbotenen Frucht – interpretiert (auch das ist übrigens in der jüdischen Tradition anders). Laut Schüngel-Straumann beschreiben diese beiden Kapitel aber lediglich zwei verschiedene Lebensweisen: Genesis 2 beschreibt, wie ein gutes, gottgewolltes Leben auf der Erde aussieht, sozusagen das Ideal, während Genesis 3 beschreibt, wie das Leben auf der Erde tatsächlich (leider) aussieht.
  5. Die frauenfeindliche Uminterpretation der Schöpfungsgeschichte begann nicht erst mit dem Christentum, sondern schon in den Jahrhunderten zuvor. Aber bevor es den Bach runterging, ging es erstmal „bergauf“: Die ältesten Teile (Genesis 2 und Genesis 3, also die Paradiesgeschichte), entstanden schon um 1000 v. Chr. Der Schöpfungsbericht ganz am Anfang der Bibel hingegen, also Genesis 1 (mit der Aufzählung der sieben Tage), entstand erst so um 500 v. Chr.. Und dieser Text hat die Gleichwertigkeit aller Menschen sogar noch einmal deutlich verstärkt: „Da schuf Gott die Menschen, als göttliches Bild, als Bild Gottes wurden sie geschaffen, männlich und weiblich.“ Basta. Außerdem ist hier der „Geist Gottes“ mit dem weiblichen Wort „Ruach“ bezeichnet.
  6. Der Wunsch, in den jüdischen Schöpfungsbericht eine Geschlechterhierarchie hineinzulesen, hängt laut Schüngel-Straumann unter anderem mit der Ausbreitung des Hellenismus zusammen: Im Griechentum wurde Zivilisation mit Patriarchat gleichgesetzt. Wer als zivilisiert gelten wollte, musste also das Männliche als höherwertig ansehen als das Weibliche. Das frühe Christentum hat sich dem Hellenismus dann noch weiter geöffnet als das Judentum sowieso schon. Außerdem waren vielen Menschen zu dieser Zeit die hebräischen Urtexte gar nicht mehr bekannt, sondern sie lasen die jüdische Schöpfungsgeschichte in der griechischen Übersetzung, in der aber viele hebräische Wortspiele verloren gegangen waren (zum Beispiel Adam/Adamah bzw. Mensch/Erde). Das heißt, die Vorstellung, „Adam“ sei ein Männername, erschien ihnen nicht mehr offensichtlich absurd.
  7. Aber auch das ist letztlich keine Entschuldigung für die Dreistigkeit, mit der christliche Theologen (Schüngel-Straumann hat atemberaubende Beispiele bis weit ins 19. Jahrhundert hinein) die Bibeltexte verdreht haben, um ihr Phantasma von der Höherwertigkeit des Männlichen und ihren Herrschaftsanspruch gegenüber den Frauen (und anderen „Anderen“) dort hineinzuinterpretieren. Schüngel-Straumann sagt, wie es ist: die Männer haben sich selbst an die Stelle Gottes gesetzt, und das ist Gotteslästerung.

Die interessanteste Frage bei all dem ist natürlich: Was tun wir jetzt mit diesem Schlamassel? Aufklärung alleine hilft offensichtlich nicht. Die exegetischen Befunde sind völlig eindeutig, niemand bestreitet das alles heute noch ernsthaft auf einem wissenschaftlichen Niveau. Doch vierzig Jahre feministische Theologie haben auch gezeigt, dass es das eine ist, rationale Argumente in solchen Auslegungsfragen auszutauschen, und etwas anderes, diese Erkenntnisse irgendwie auch im Alltagsleben relevant zu machen.

Das männliche Phantasma der „sündigen Frau“, der „Verführerin“, oder von der Frau als „Gehilfin“ des Mannes, deren Platz „an seiner Seite“ ist, hat sich so tief in die westliche Alltagskultur eingegraben, dass man das mit ein bisschen Bibelauslegung nicht wieder da herausbekommt. Dabei ist es nur das eine, dass in Sonntagsgottesdiensten und Gesangbuchliedern immer noch gedankenloses falsches Blabla ausgebreitet wird. Die mangelnde Übersetzung feministischer Erkenntnisse in die kirchliche Alltagspraxis ist zwar beklagenswert, allerdings hat ja das, was in Sonntagsgottesdiensten gepredigt wird, heute ohnehin keine große gesellschaftliche Relevanz mehr.

Viel schlimmer ist, dass diese Stereotypen auch in der säkularen Kultur einfach weiter verbreitet werden, sei es in Hollywoodfilmen, in Romanen, in der Werbung. Westliche Geschlechterklischees sind ohne Adam und Eva nicht zu verstehen. Aber niemand interessiert sich heute mehr für Adam und Eva, also für Bibeltexte. Der übergroße Schaden, der durch die christliche Verdrehung der jüdischen Schöpfungsmythen angerichtet wurde, ist heute kein theologisches Problem mehr, sondern ein gesellschaftliches und kulturelles. Und das in einer Kultur, die sich für Religion und Bibelauslegung kein bisschen mehr interessiert.

Und die sich deshalb auch nicht dafür interessiert, wenn man ihr sagt, es sei gotteslästerlich und unbiblisch, diesen Mythos weiter zu pflegen, diesen Zusammenhang von Geschlecht und Sünde weiter zu pflegen, dieses hierarchische Verständnis der Geschlechterdifferenz aufrecht zu erhalten. Denn sie glaubt ja nicht an Gott und hält die Bibel für unwichtig. Aber gerade weil sie sich selbst für unchristlich, für nicht religiös hält, hat sie die besten Voraussetzungen, um die schlechten Seiten des Christentums bis in alle Ewigkeit zu wiederholen. Denn sie hält das, was das Christentum konstruiert hat, nicht für christlich, sondern für „normal“.

Helen Schüngel-Straumann: Feministische Theologie und Gender. Reihe: Internationale Forschungen in Feministischer Theologie und Religion, Band 4, 240 Seiten, 29,90 Euro.

(PS: Das Buch ist ziemlich redundant, weil dieselben Thesen in vielen Texten immer wieder wiederholt werden, das macht es etwas mühsam zu lesen. Hier wäre ein bisschen editorische Arbeit schon gut gewesen).

Dankbarkeit niemand bestimmtem gegenüber

Eine Sache, die mich sehr ärgert ist, wenn mir Dankbarkeit dafür abverlangt wird, dass ich in einer Gesellschaft lebe, in der Frauen relativ gleichgestellt sind, in der es relativ wenig krasses Patriarchat gibt. Aktuelles, ganz kleines Beispiel war eine Reaktion auf meinen gestrigen Blogpost über das neue Freundschafts-Icon bei Facebook, worauf jemand meinte: Jetzt würde sich doch Facebook schon um mehr Geschlechtergerechtigkeit bemühen, warum ich denn dafür nicht dankbar wäre, sondern schon wieder was dran herumzumäkeln habe.

Sehr gerne wird mir das auch von Vertretern der evangelischen Kirche gesagt, nach dem Motto: Ob ich nicht mal dankbar sein könnte, dass sie ja viel weniger frauenfeindlich sind als die meisten anderen Kirchen. Oder von Vertretern des deutschen Staates: Hier bei uns sind Frauen doch viel besser dran als früher oder woanders auf der Welt.

Das macht mich sehr ärgerlich, weil ich niemandem Dankbarkeit dafür schulde, mich nicht zu unterdrücken. Es ist nämlich mein gutes Recht, nicht unterdrückt zu werden – und für Dinge, die mein gutes Recht sind, bin ich nicht dankbar.

Andererseits ist Dankbarkeit etwas, das ich sehr wichtig finde. Es ist nicht zufällig ein Stichwort in unserem ABC des guten Lebens. Und auch Ingrid Strobls Plädoyer für ein kleines Danke unterschreibe ich.

Aber ich finde, man muss durchaus unterscheiden, wem gegenüber Dankbarkeit angebracht ist. Es ist richtig, dass fehlende Dankbarkeit Beziehungen belastet, so wie in der Geschichte, die Ingrid Strobl beschreibt. Es gibt aber auch fehlgeleitete Dankbarkeit, nämlich dann, wenn man zu häufig Menschen dafür dankbar ist, dass sie etwas tun, was eigentlich bloß ihre Pflicht ist. Denn das kann diese Menschen dazu verführen, zu vergessen, was ihre Pflicht ist, und sich einzubilden, sie würden etwas großartig Tolles tun. Denn gerade deshalb, weil Dankbarkeit auf eine Gabe verweist, die nicht selbstverständlich und nicht ein Recht ist, kann sie umgekehrt den Effekt haben, dass Leute die Tatsache, dass ihnen gedankt wird, so verstehen, dass das, was sie gegeben haben, ihre persönliche Großzügigkeit war und nicht ihre Pflicht. Dankbarkeit ist notwendig, um eine Kultur zu haben, in der Gaben zirkulieren, die nicht selbstverständlich sind. Aber fehlgeleitete Dankbarkeit kann auch dazu führen, dass Leute nicht mal das tun, was ihre Pflicht ist.

Trotzdem bin ich aber natürlich „dankbar“ dafür, in einer Gesellschaft zu leben, in der Frauen vergleichsweise viele Möglichkeiten und Rechte haben. Ich bin froh, dass Vergewaltigungen bei uns verboten sind, dass es keine Gesetze gibt, die mir bestimmte Berufe verbieten und so weiter.

Aber dafür bin ich nicht dem Staat oder den Männern dankbar, sondern meine Dankbarkeit richtet sich auf etwas Unbestimmtes, auf jene „unverfügbare Leerstelle“ eben, die ich Gott nenne. Indem ich „Gott“ danke, kann ich dankbar sein (und diese Dankbarkeit auch adressieren und öffentlich aussprechen), ohne aber bestimmten Menschen dankbar sein zu müssen.

Ach, Papst Franziskus

Es bereitet mir fast schon körperliche Schmerzen, diesem Papst dabei zuzusehen, wie er sich wirklich ehrlich bemüht aber dann doch aufgrund der falschen symbolischen Ordnung, die er verinnerlicht hat, immer so knapp, aber grundsätzlich daneben greift.

http://www.kath.ch/newsd/papst-frauen-muessten-lernen-verantwortung-in-kirche-zu-uebernehmen/

Auf die Nachfrage bei Twitter, wieso knapp, antwortete ich eben: „Ich glaube, wenn er in unserem* Kosmos wäre, wäre er ganz in der Nähe, aber es gibt zwischen seinem und unserem keine Verbindung.“

Für Publik Forum habe ich diesbezüglich einen kleinen Kommentar geschrieben zur Umwelt-Enzyklika, den ich hier mal sichere:

»Die neue Enzyklika des Papstes bereitet mir Bauchschmerzen, und das gleich in den ersten Sätzen: ›Unser gemeinsames Haus ist wie eine Schwester, mit der wir das Leben teilen‹, heißt es da. ›Diese Schwester schreit auf wegen des Schadens, den wir ihr zufügen.‹ Wer, so frage ich mich, ist in diesem Zusammenhang genau ›Wir‹? Wo stehe in diesem Gefüge ich, eine Frau und Schwester? Es ist aber nicht nur die altbekannte Gleichsetzung von Natur und Weiblichkeit, die mich an diesen Sätzen stört. Es ist vor allem die darin enthaltene logische Gegenüberstellung von Mensch und Natur, die sich anschließend in zahllosen weiteren Dualismen durch die Enzyklika zieht: Zivilisation und Ursprünglichkeit, Stadt und Land, Technik und Leben, Fortschritt und Bewahrung, Gier und Genügsamkeit und so weiter. Zugegeben: Franziskus beschreibt die Beziehung zwischen Mensch und Natur als eng und wechselseitig. Aber den Schritt zur Erkenntnis, dass Menschen selbst Natur sind (und damit vergänglich und bedürftig und kontingent wie alle Natur), geht er nicht. Das kann er auch nicht, solange er am Naturrecht festhält, also an der Vorstellung, dass die Natur dem Menschen gegenüber eigene Rechte habe, deren Garant Gott ist, der in der Enzyklika als ›höhere Instanz‹ (Seite 3) fungiert. Eine Instanz, deren Repräsentanz auf Erden die katholische Kirche für sich selbst beansprucht, indem sie ihre eigenen, historisch gewachsenen Wertvorstellungen als ›gottgewollt und natürlich‹ ausgibt. Auch diese Enzyklika kommt zum Beispiel mal wieder nicht ohne Seitenhieb gegen feministische Gendertheorien aus (Seite 66). Es ist schön, dass der Papst bei seinen konkreten politischen Schlussfolgerungen oft Klartext spricht, und vieles davon würde ich inhaltlich unterschreiben. Aber die theologische Grundlegung teile ich nicht. Gott hat uns nicht als Gegenüber zur Natur erschaffen, sondern als Teil davon. Wir Menschen müssen nicht lernen, nett zur Natur zu sein, damit wir später mal in den Himmel kommen, wir müssen etwas ganz anderes verstehen: Indem wir die Böden verseuchen, die Luft verpesten, das Wasser vergiften und das Klima zerstören, zerstören wir uns selbst. Und Gott ist bei dem Versuch, diesen Selbstmissbrauch zu beenden, nicht unser Richter, sondern unser Beistand, unsere Inspiration, unsere Kraftquelle, unsere Zuversicht.«